Antigua, Teil 2

Am nächsten Morgen kann Timm sich nicht mehr bewegen. Bei jedem Schritt durchzuckt sein rechtes Bein ein stechender Schmerz. Sitzen ist unmöglich, selbst Liegen tut weh. Um den für ihn gebuchten Spanischkurs nicht verfallen zu lassen, nehme ich seinen Platz ein und er geht stattdessen zum Arzt.

In Antigua gibt es unzählige Sprachschulen, die damit werben, ihren Schülern in nur 6 Wochen fließend Spanisch beizubringen. Auf Wunsch wird man in lokalen Gastfamilien untergebracht, bekommt Einblicke in das Alltagsleben einer guatemaltekischen Familie. Das Kurssystem ist ein völlig anderes als wir es von zu Hause kennen: Im Innenhof eines kolonialen Stadthauses stehen ca. 20 Zweiertische, an denen sich jeweils ein Schüler und ein Lehrer gegenüber sitzen. Fähnchen verraten die Nationalität des Schülers. Mit Koreanern, Dänen, US Amerikanern bis zu Japanern und Neuseeländern ist die Studentenmischung erstaunlich bunt. Weil wir glauben, dass die Kinder weniger schüchtern sind, wenn sie sich zu zweit einen Lehrer teilen, haben wir eine Lehrerin für die Mädchen, eine für die Jungen und eine für Timm (bzw. jetzt mich) gebucht. Um acht Uhr beginnt der Unterricht, geht bis zwölf Uhr, zwischendurch haben wir 30 Minuten Pause. Schon am zweiten Tag sind die Kinder lange vor Schulbeginn fertig angezogen, scharren mit den Füssen, können es nicht erwarten, endlich loszugehen. Noch nie habe ich sie mit einem solchen Eifer lernen sehen. Die Tische der Kinder stehen nicht weit von meinem entfernt, ich höre die Jungen lachen und singen, die Mädchen gehen mit ihrer Lehrerin auf dem Markt einkaufen, gehen ins Museum, sie zeigt ihnen die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten. Schon nach drei Tagen können sie selbst ihr Eis und das Essen im Restaurant bestellen. Max und Carl lieben ihre Lehrerin, den ganzen Nachmittag reden sie über sie: „Maritza mag auch am liebsten Schokoeis… diese Hunde mag sie nicht so gerne… in diesem Park spielt sie auch immer mit ihren Kindern…“ Wenn ich möchte, dass Max ohne Murren seine Fingernägel schneiden lässt oder duscht, dann muss ich nur Maritza bitten, ihm zu sagen, dass das nötig ist. Zwar benutzen wir auch Bücher und bekommen Hausaufgaben auf, der Großteil des Unterrichtes allerdings ist „Schauen und darüber reden“. Meine Lehrerin Patricia erzählt mir aus ihrem Alltag, von ihrer Familie, lässt auch mich erzählen. Sie darf absolut keine Tabuthemen haben, hat ein breit gefächertes Interessengebiet. Selbst sexuelle Themen muss sie ansprechen können, sollte der Schüler sich dafür interessieren. Tue ich nicht. Stattdessen reden wir über Politik, über ihre Familie, darüber dass ihr kleiner Enkel zu zierlich ist, dass sich die Mütter hier Schuhcreme oder Chillipulver auf die Brustwarzen schmieren, wenn sie ihre Babies abstillen wollen. Sie erzählt mir von den Osterprozessionen, die das wichtigste Fest der Stadt sind. Dann werden die Kopfsteinpflasterstraßen  mit Mustern aus gefärbtem Sägemehl und Blütenblättern verziert, die Leidensgeschichte Jesu‘ erzählt, indem lebensgroße Puppen, welche die verschiedenen Stationen seines Lebens darstellen, durch die Straßen getragen. Auch erzählt sie mir von einem „lustigen“ Spiel, dass sie während ihrer Kindheit gespielt haben: Eine Ratte wurde gefangen, am Schwanz  kopfüber im Baum aufgehängt und dann von allen Familienmitgliedern so lange mit Steinen beworfen, bis sie sich nicht mehr bewegt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob sie gemerkt hat, dass ich ein bisschen blass um die Nase wurde, dass sie hier eines meiner Tabuthemen angekratzt hat.

Nach dem Einbruch in Roger bin ich ein bisschen erschüttert in meinem Sicherheitsempfinden, traue mich nicht mehr mit meiner Kamera auf die Straße. Am Haus entdecken wir mehrere schlecht reparierte Einbruchsspuren und auf dem Innenhof steht neben der Tüte mit unseren zusammengefegten Glassplittern eine weitere, doppelt so große, vielleicht von unseren Vormietern, welche die Putzfrau noch nicht entsorgt hat. Jedes Mal, bevor wir das Haus verlassen, verstecken wir alle möglichen Wertgegenstände, verbringen dann bei der Heimkehr Ewigkeiten damit, sie wieder zu finden. Wo ist Papas Rechner? Im Backofen! Wo das Objektiv? Im Kühlschrank neben der Milch! Wo sind die Dollars? Im Vorratsschrank im Pappteil der dritten Klorolle links… Das Zentrum des Hauses ist der Innenhof, das heißt. wir müssen immer ins Freie, um eines der Zimmer zu betreten, in der Dunkelheit ist das ein Wettlauf mit den zahlreichen blutrünstigen Moskitos. Nach dem Einbruch in Roger schlafe ich ein bisschen weniger tief, wache bei unbekannten Geräuschen auf. Einmal davon, dass mitten in der Nacht unsere Betten wackeln, sich knarzend über den Fußboden schieben. Ein Erdbeben, das stärkste dass wir bisher erlebt haben. Am nächsten Morgen klemmt die Badezimmertür. Aber nur bis zum nächsten Erdbeben, dann hat sie sich wieder zurechtgeruckelt.

Die Routine in Antigua tut uns gut. Jeden Morgen um acht beginnen wir mit dem Unterricht, gehen dann jede Frühstückspause zum gleichen Bäcker, kaufen uns ein Frühstück. Um 12 Uhr holt Timm uns ab und wir essen in einem der zahlreichen lokalen Restaurants für einen Bruchteil dessen, was Einkaufen kosten würde, zu Mittag. Nach einer kleinen Mittagspause erkunden wir die Stadt, machen unsere Hausaufgaben, spielen Spiele. Der Arzt diagnostiziert Timm einen entzündeten Ischiasnerv, verschreibt ihm stärkere Schmerzmittel, Entzündungshemmer und gibt ihm alle zwei Tage eine hochdosierte Spritze. Er soll versuchen, sich mäßig zu bewegen, und so gehen wir jeden Tag spazieren. Selten funktioniert das schmerzfrei.

Wir gehen auf den Markt, sind, obwohl wir inzwischen an zentralamerikanische Märkte gewöhnt sind, ziemlich erschlagen von dem Angebot. Hier findet man alles von Autobatterien bis zu Pflaumen, Klopapier, Piñatas und Haargel. Die Gänge sind extrem eng und dunkel, ich kann keine Ordnung erkennen, Fisch liegt neben Kleidung, Gemüse neben Koffern,  Plasikwannen neben Haarteilen und Hühnerkäfigen. Manchmal kommen die Gerüche überraschend, sind nicht immer leicht zu ertragen, besonders wenn Fleisch oder Fisch im Spiel sind. Wir kaufen Obst und Klopapier, einen Fahrradschlauch und suchen erfolglos Socken in Größe 44/45 für Timm. Wir scannen jeden Stand genau ab, gucken, ob wir irgendwo unser Navi finden, leider ebenfalls erfolglos.

Die Supermärkte sind ähnlich wuselig wie der Markt, Nudeln kann man im selben Laden gleich mehrmals finden: einmal bei den Kaffeefiltern und beim Wein, dann zwischen Shampoo und Spüli. Alle paar Meter gibt es einen Mikrosupermarkt, der von Windeln über Thunfischdosen bis zu Wasser und Schuhcreme alles Mögliche verkauft. Auch hier ist für mich keine Ordnung oder ein System erkennbar. Gemeinsam haben die Waren vor allem, dass sie sehr ordentlich gestapelt sind, so eng, dass es unmöglich ist, mit der Hand hineinzugreifen, ohne gleich den ganzen Stapel umzureißen. Ich unterhalte mich mit einer Mayafrau, die eine ebenfalls 15 jährige Tochter hat. Sie erzählt mir von den Schwierigkeiten und Diskussionen zu Hause und wir beide lachen, fühlen uns wie Freundinnen, weil wir länderübergreifend dieselben Probleme haben.

Als Timm nach der zweiten Spritze sogar länger als 30 Minuten ohne Schmerzen laufen kann, machen wir einen Ausflug auf ein Kaffee Estate, bekommen Einblicke in die Produktionsprozesse, Anbaumethoden und Qualitätsunterschiede beim Kaffeeanbau. Aufgrund des unebenen Geländes in bis zu 2000m Höhe, ist die Kaffeeernte reine Handarbeit. Jede Bohne wird, wenn sie rot und reif ist, einzeln mit der Hand gepflückt. Auch von Kindern. Diese werden dann von der Schule freigestellt. Bezahlt werden die Arbeiter nach Gewicht der täglichen Ernte. Für 80 kg Bohnen, der durchschnittlichen Tagesernte, sind das $US8. Die Löhne werden regional festgelegt, um dem Konkurrenzkampf der einzelnen Betriebe um die Erntehelfer vorzubeugen. Mitten zwischen den Kaffeefeldern des Estates, das wir besuchen, steht eine mit Kameras und Elektrodraht abgezäunte Villa mit Tennisplatz und Pool. Wem die gehöre, weiß der Mann, der uns das Estate zeigt und hier seit vielen Jahren arbeitet, nicht. Ich war nie ein Freund von Coffee to go, finde wenn man keine Zeit, hat in Ruhe und im Sitzen einen Kaffee zu trinken, lässt man es lieber gleich. Ab jetzt werde ich jede einzelne Tasse zelebrieren, nie mehr einen Kaffee nebenbei trinken!

Antigua ist von den Vulkanen Agua, Acatenago und Fuego umgeben. Am 3. Juni 2018 brach der Fuego das letzte Mal aus, begrub mehrere hundert Menschen unter Lavaströmen und Geröll, über Antigua regnete es Asche, in Guatemala Stadt schien tagelang nicht die Sonne und der Flugverkehr musste eingestellt werden. Am ersten Jahrestag des Vulkanausbruchs fühle ich mich den ganzen Tag beklommen, bin traurig und gucke immer wieder hoch zum Gipfel des Fuegos, dessen Rauchsäule mir heute besonders mächtig und unheilvoll erscheint. Ich hatte Gedenkgottesdienste oder zumindest Fahnen auf halbmast erwartet. Stattdessen geht das Leben hier seinen gewohnten Gang, business as usual. Die Menschen hier sind an Katastrophen gewöhnt, ein Erdbeben ist für sie so normal wie für uns Stau auf der A7, der Fuego spuckt täglich glühende  Lava in den Himmel. Man kann das eindrucksvoll beobachten, wenn man eine Nacht auf dem Nachbarvulkan Acatenango verbringt. Für uns allerdings ist der Aufstieg zu anstrengend und so begnügen wir uns mit Fotos und Geschichten anderer Traveller.

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Die Zahl der Opfer, so erzählt mir Patricia stehe nicht fest. Viele seien erst viel später gefunden worden. Obwohl der Vulkan genau beobachtet wird, war die Wucht dieses Ausbruchs überraschend. Ganze Ortschaften wurden von den glühenden Lavaströmen erfasst, die Menschen die an diesem Sonntag mit der erweiterten Familie beim Mittagessen zusammensaßen, hatten keine Chance zu fliehen. Viele der Toten hatten noch Gegenstände in den Händen, waren mitten aus dem Alltag gerissen worden. Als Patricia mir das erzählt, breche ich an meinem Schultisch in Tränen aus. Mein Nervenkostüm ist etwas fadenscheinig in den letzten Tagen. Ich bin ein bisschen gestresst und müde, kann die Sorgen um Timms Bein nicht wegschieben. Ich habe Angst wie wir weiterkommen sollen, möchte am liebsten noch eine weitere Woche Antigua anhängen. Timm allerdings will weiter, meint, er schaffe es bis Kolumbien, dort könnten wir dann eine längere Pause machen, die Kinder auf eine Schule schicken. Sie, das hat sich jetzt in der Sprachschule herausgestellt, vermissen es, zur Schule zu gehen, möchten gerne einmal wieder länger an einem Ort bleiben und Freunde haben.

Nach zwei Wochen packen wir traurig und mit unseren Spanischzertifikaten in der Tasche unsere Habseligkeiten zurück in den Truck. Timm hat es eilig, möchte auf jeden Fall unsere bereits gebuchte Überfahrt nach Kolumbien Mitte August schaffen. Wir drücken das letzte Mal unsere Bäckerin, unsere Spanischlehrer, den Nachbarn und den Securityguide, verlassen Antigua, das sich nach zwei Wochen erstaunlich „Zuhause“ anfühlt.

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