Tikal

Unsere letzte Nacht in Belize verbringen wir am Ufer des Belize Rivers, wenige Kilometer von der Grenze zu Guatemala entfernt. Am besten überwindet man Grenzen ausgeschlafen und auf jeden Fall bevor alle Grenzbeamten in die Mittagspause verschwinden, die zu Guatemala allerdings hätten wir auch im Halbschlaf bewältigt, so reibungslos verläuft die Prozedur.

Manchmal scheinen Grenzen nicht viel mehr als Linien auf dem Papier, manchmal aber sind sie der Eintritt in eine andere Welt- die Grenze von Belize zu Guatemala ist so eine. In der kleinen Grenzstadt Melchor de Mencos tobt auf den Straßen das Leben. Jedes Geschäft beschallt aus riesigen Lautsprechern die Straße mit lateinamerikanischen Klängen, auf den Bürgersteigen türmen sich die angebotenen Waren, Autos schlängeln durch enge Straßen, bleiben stehen, damit sich die Fahrer mit jemandem auf der Gegenfahrbahn unterhalten können, es wird gehupt, gewinkt und gelächelt. Letzteres viel und besonders von den Frauen wenn sie Carl oder Max erblicken. Immer wieder wuschelt ihnen jemand im Vorbeigehen durchs Haar. Es riecht nach frisch Gebratenem und Gekochtem aus den kleinen Imbisslokalen und von den Ständen der Straßenverkäufer. Erst jetzt wir uns bewusst, wie still es in Belize war, wie zurückhaltend die Menschen waren. Die Holzhäuser Belizes weichen Steinhäusern mit Blech- oder Ziegeleindeckung, über unseren Köpfen wirren wieder niedrig hängende Telefon- und Stromkabel. Die etwas karibikschwere Stimmung Belizes weicht lateinamerikanischer Lebensfreude, uns hüpft das Herz. Genau wie in Mexiko- das allerdings haben wir in Belize nicht vermisst- stehen auch hier vor vielen Geschäften, Tankstellen und Parkplätzen schwer bewaffnete Sicherheitsleute.

Bei Guatemala denke ich zu allererst an bunte Webstoffe, an die groben Ponchos, die wir zu Schulzeiten alle getragen haben, an Kaffee und an bunt gekleidete Frauen mit dicken schwarzen Zöpfen. Dass Denim-Stoff seinen Ursprung in Guatemala hat, dass hier Schokolade und Instantkaffee erfunden wurden, dass es hier mehr als 30 Vulkane gibt, von denen 3 äußerst aktiv sind, dass kein Land der Welt mehr Jade produziert als Guatemala, an all diese Dinge denke ich nicht- zunächst. Von 1960- 1996 herrschte hier Bürgerkrieg, unter dessen Folgen die Menschen auch heute noch leiden. Die soziale Ungerechtigkeit ist enorm, mehr als 50% der Menschen, vor allem die indigenen Maya Bevölkerung, leben in Armut, 9% davon in schwerster Armut. Analphabetismus ist weit verbreitet, das Gesundheitswesen ist mangelhaft, mehr als 45% der Kinder unter 5 Jahren sind mangelernährt. Das Land wird von einer kleinen Ladino-Oberschicht regiert und besessen, 1% der mehr als 5 Mio landwirtschaftlichen Betriebe kontrollieren mehr als 70 % der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Die sozial und wirtschaftlich unstabile Lage machen sich Mexikos Drogenkartelle zu Nutzen, weiten in Guatemala ihre Macht aus. Drogen und Mitgliedschaft in Gangs nehmen zu, versetzten auch hier die Menschen in Angst und Schrecken. Wie in fast allen Ländern Mittelamerikas ist Korruption unter Regierungsbeamten und Staatsdienern ein riesen Problem- der Expräsident sitzt wegen Untreue im Gefängnis, der Ex-Leiter der deutschen Schule Guatemalas konnte nur mit Mühe den guatemaltekischen Behörden entkommen, die einen Haftbefehl erwirkt hatten, weil er sich erdreistet hatte, den Sohn einer einflussreichen Familie wegen eines Sexualdeliktes der Schule zu verweisen. Willkür, Morddrohungen und Anschläge sind hier an der Tagesordnung. Auch gegen den jetzigen Staatspräsident, eigentlich von Beruf Komiker, liegen Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs und Korruption vor. Auf seine Amtstätigkeiten hat das scheinbar keinen Einfluss.

Unser erstes Ziel in Guatemala ist Tikal, die Maya Ruinenstadt im Petén, dem nördlichsten und größten Departamiento Guatemalas. Er umfasst rund ein Drittel von Guatemalas Gesamtfläche und ist der am dünnsten besiedelte Teil des Landes. Während der Petén zum Anfang des 20 Jahrhunderts noch vollständig von Regenwald bedeckt war, ist dessen südlicher Teil durch Brandrodung und Besiedlung heute eine Savannenlandschaft. Im Norden gelang es, den Regenwald durch die Schaffung des Biosphärenreservat „Reserva de la Biosfera Maya“ zu erhalten, hier leben auch heute noch Jaguare, Pumas und Tukane, sind riesige Landstriche nahezu menschenleer.

Als wir auf dem Weg nach Tikal den blau funkelnden Lago Petén Itzá, im kleinen Ort El Remate auf dem Weg nach Tikal erblicken, machen wir kurzentschlossen eine Vollbremsung. Der drittgrößte See Guatemalas erinnert uns an Zuhause, wir bleiben über Nacht. Hier am Steg, so wird uns versichert, gibt es keine Krokodile. Es sei Ihnen zu laut. Nur um ganz sicherzugehen, dass sich nicht auch ein weniger gehörempfindliches Exemplar in unsere Richtung verirrt, bekommen die Kinder die Anweisung besonders laut und wild zu spielen.

Am nächsten Tag sind wir früh wach, wollen die ersten sein, die am Gate der Tikal Ruinen ankommen. Und wie immer, wenn wir besonders gut organisiert sind, kommt etwas dazwischen. Heute hat es sechs Beine, einen glänzenden braunen Körper und huscht unter unseren Kühlschrank, als wir gerade am Frühstückstisch sitzen. Wo eine Kakerlake sichtbar ist, leben noch viele mehr, das weiß ich sicher, seit ich im Halbdunkel auf der Suche nach einem Messer in Kapstadt unsere Küchenschublade aufgemacht habe und das Besteck vor lauter Gewimmel nicht mehr sehen konnte. Sofort ziehe ich los, um Kakerlakenspray zu kaufen, die Kinder räumen alle Schubladen aus und Timm baut mit schmerzendem Rücken den Herd und den Kühlschrank aus. Das im Dorf erhältliche Spray verspricht augenblickliche Wirksamkeit für bis zu sechs Wochen, soll ungefährlich für Menschen sein, so die Verkäuferin. Verzweifelt versuche ich, das zu glauben, werde aber immer wieder vom kleinen Anzugträger in meinem Kopf daran erinnert, dass Kakerlaken einen Atomkrieg überleben und sogar neun Tage ganz ohne Kopf leben können. Nachdem ich jeden potenziellen Schlupfwinkel in Roger eingesprüht habe, quälen mich Kopfweh, Hautjucken und schreckliche Vorstellungen von Vergiftungserscheinungen bei den Kindern. Timm hat Rückenschmerzen, die Kinder schlechte Laune wegen all dem Geräume. Beste Voraussetzungen, um in der brütenden Hitze im Dschungel versunkene Maya Ruinen zu besichtigen.

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Tikal ist nur eine von vielen Mayastätten im Peten, das um 700n Chr. wahrscheinlich das am dichtesten besiedelte Gebiet der Welt war. Mehrere Millionen Menschen sollen zu dieser Zeit hier gelebt haben, nach der Zerstörung Chichen Itzás ( Mexiko) zogen dessen Bewohner weiter hierher, liessen sich am Petén Itzá See nieder.

Weil Tikal so weit abseits liegt und nur relativ unbequem zu erreichen ist, ist es eine deutlich weniger überlaufenen Stätte als die mexikanischen Maya Ruinen. Das Gebiet umfasst etwa 65 Quadratkilometer, der zentrale Bereich mit etwa 3000 Bauten 16 Quadratkilometer. Bemerkenswert ist der Baustil der bis zu 40 m hohen Stufenpyramiden, die ein paar stramme Fußmärsche voneinander entfernt über dem Blätterdach des Dschungels thronen.

Obwohl Tikal als die bedeutendsten Städte der klassischen Maya-Periode (3. bis 9. Jahrhundert) gilt, ist das hier nicht unser Fokus. Wir lesen keine Informationen zu den Tempeln, schauen nicht auf den Lageplan, wandern ziellos durch den dichten Dschungel, erklettern die größten Pyramiden, genießen den Ausblick über das Blättermeer, die Kinder spielen verstecken und Ticker zwischen den Mauerresten und Opfersteinen, Timm und ich liegen im Gras unter den Bäumen und lauschen dem Gezwitscher der Vögel. Mehr als 300 Arten sollen hier leben. Um uns flattern Schmetterlinge, unter uns krabbeln Ameisen und wir sind fast allein in dieser vom dichten Wald zurückeroberten Stadt. In einem Wasserloch lauert ein Krokodil auf durstige Beute, Spinnenaffen toben über uns durch das Blätterdach, ein Fuchs stromert durch Unterholz, Nasenbären hoffen auf einen Snack aus unserem Rucksack. Nach dem Erklimmen der 40 m hohen Stufentempel schmerzt Timms rechtes Bein, die Kinder sind von der Hitze erschlagen und wir genießen die Dekadenz, von so viel Geschichte umgeben einfach nur auf dem Rücken zu liegen und in die durch das Blätterdach blitzende Sonne zu gucken.

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