Tulum & Laguna Bacalar

Außer einer Liebe zu Elefanten teilt Timm mit dem berühmten Feldherren Hannibal vor allem eines: Zielstrebigkeit. „Entweder man findet einen Weg, oder man schafft einen Weg“ soll Hannibal vor 2400 Jahren gesagt haben und fast der gleiche Wortlaut inklusive „Yiiihaa!“ Schlachtruf schallt heute durch unsere Fahrerkabine.

Wir kämpfen uns durch viel zu eng stehende Palmen, Äste schrabben knarzend über die Solarzellen und an den Fenstern entlang. Ich stehe schwitzend im Wohnkoffer, halte die Moskitonetze fest, die ich vorsorglich vor der sehr wahrscheinlichen Zerstörung gerettet habe. Ich hätte längst aufgegeben, nicht so Timm, schließlich erwarten die Piraten uns auf dem „Chamico‘s“ Campground, einem Stück karibischen Traum vor den Toren Tulums.

Palmblätter rauschen im Wind über unseren Köpfen, die Füße stecken im schneeweißen Sand, das Meer glitzert eisvogelblau. Chamico’s ist ein kleines Stück ursprünglicher Strand, umgeben von Villen, die für zu $US1000/Nacht vermietet werden, bzw, wurden. Seit der Atlantik letztes Jahr tonnenweise Sargassum Seegras ausgespuckt hat und dieses sonst jahreszeitliche Phänomen zum Dauerzustand wurde, stehen die Villen leer. An den Stränden türmen sich die rottenden Algen, verströmen einen bestialischen Gestank nach faulen Eiern, der Kopfschmerzen und Übelkeit verursacht. So sehr man hier und überall in der Karibik versucht, der Plage Herr zu werden, es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Jeden Morgen werden die Strände mit Baggern, Schubkarren und Mistforken geräumt, nur um in der Mittagszeit erneut im Sargassum zu versinken. 

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Niemand weiß genau woher diese enormen Mengen Seegrass kommen, fest aber steht, dass sie eine ernste Bedrohung für das Ökosystem darstellen. An vielen Stränden, so erzählen mir die Arbeiter, die das Seegras zusammen schaufeln, sterben die Fische, weil ihnen der bei der Zersetzung des Sargassums entstehende Schwefelwasserstoff den Sauerstoff zum Atmen nimmt. Korallen sterben ab, weil durch die dicken Teppiche kaum noch Licht in tiefere Wasserschichten gelangt. Ein Ende der Plage ist nicht in Sicht. Nachdem Barbados letztes Jahr den Notstand ausgerufen hat, breiten sich die Algen immer weiter explosionsartig aus, auch an Orten an denen sie zuvor nicht vorkamen. Im letzten Jahr haben US Forscher den weltweit größten Sargassumteppich vermessen: Er reicht über eine Länge von etwa 8850 Kilometern von Westafrika bis in den Golf von Mexiko. Die Forscher vermuten dass der Algenteppich in einer Nährstoffschwemme an der Amazonasmündung seinen Ursprung hat. Die Abholzung des Regenwaldes, der vermehrte landwirtschaftliche Nutzung dieses Gebietes haben auch Auswirkungen auf unsere Meere, jedes kleine Zahnrad im Uhrwerk unserer geschädigten Ökosysteme hat Auswirkungen auf das nächste, setzt eine neue Maschinerie der Zerstörung in Gang. Das Ausmaß dieser Plage, die Machtlosigkeit der Menschen vor Ort, die Auswirkungen die es für sie und ihr Leben, für unser aller Leben am Ende hat, machen mir eine riesen Angst. Wegschauen geht nicht, beim Reisen werden die Probleme der anderen plötzlich zu den eigenen. Wir versuchen den durchdringenden Schwefelgeruch, die Hitze und das Gefühl untergehender Welt auszublenden. So ganz mag mir das nicht gelingen, meine Stimmung ist nicht immer so, wie es die karibische Kulisse einfordert.

Als die Welt über Wasser zu anstrengend wird, beschließen Timm, die Mädchen und Iris ihr zu entfliehen und machen einen PADI Open Water Diver Kurs. Anders als in vielen anderen Tauchrevieren der Welt üben sie nicht im Schwimmbecken, sondern in einer Cenote, umgeben von einer bunten Fisch- und Mangrovenwelt, ein Krokodil soll dort ebenfalls leben, wurde aber nicht gesehen. Schon nach dem ersten Tauchgang haben sie Blut geleckt, reden von nichts anderem mehr als von Druckausgleich, Schwerelosigkeit, dem Gefühl fliegen zu können. Ab sofort darf ich nur noch rifffreundliche Sonnencreme kaufen, jedes Stück Plastik wird vom Strand aufgesammelt, Fisch verschwindet von unserem Speiseplan. Eine völlig neue, bisher ungesehene Welt erschließt sich den Kindern, eine Welt, die es mit allen Mitteln zu schützen gilt. In diesem Fall wirkt die Horizonterweiterung vertikal.

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Zehn Tage verbringen wir Robinson-Crusoe-like mit den Piraten und mit Ryan und Camille, gehen schnorcheln, fischen, grillen am Lagerfeuer, helfen uns gegenseitig bei verschiedenen Reparaturen. Irgendwann haben wir uns an Hitze und Schwefelgeruch gewöhnt, einzig unsere bereits gebuchte Überfahrt nach Kolumbien zwingt uns zum Aufbruch. Die Schneise, die wir uns bei unserer Ankunft in die Zufahrt geschlagen haben, ist längst wieder zugewuchert und so steigen Ryan und Sven aufs Dach, um uns mit Machete und Säge erneut den Weg frei zu machen. Seitenweise warnt das Internet vor allen möglichen Gefahren Mexikos. Vor dem Chechen Baum allerdings hat uns niemand gewarnt. Das Baumharz dieses auch als „schwarzes Giftholz“ bekannten Hartholzbaumes hat es in sich: Kommt man mit ihm, bei besonders empfindlichen Menschen reicht schon eine Berührung der Blätter, in Berührung, entstehen an dieser Stelle verbrennungsartige Ausschläge, die Blasen werfen, jucken und brennen, ewig brauchen, um wieder abzuheilen. Sven, der sich für uns „oben ohne“ durchs Blätterdach kämpft, bekommt das leider am eigenen Leib zu spüren, ist nach unserer Abreise eine Woche lahmgelegt. Leider einen Tag zu spät erklärt ihm ein Einheimischer, dass der Heilung bringende Baum meistens gleich daneben wächst: der Chaca Baum. Feuchte Umschläge aus einem Blättertee oder dem Saft des Baumes helfen, den Ausschlag zu vermeiden.

Wir brauchen lange, bis wir uns durch die Baumreihen des „Chamicos’s“ gekämpft haben (nach uns nun auch „Big Rig freundlich“!), und noch viel länger, bis wir uns endlich verabschiedet haben. Einkauf und Wassertanken kosten weitere Stunden und so kommen wir nicht weit an diesem Tag, campen nur ein paar Kilometer außerhalb Tulums auf dem Parkplatz der Cenoten „Cristal & Escondido“, in denen wir uns am nächsten Morgen den Schlaf aus den Augen waschen.

Bei der Weiterfahrt Richtung Grenze zu Belize geraten wir in einen Schwarm migrierender Schmetterlinge, die uns von allen Seiten an die Scheiben klatschen, im Kühler und in jeder Ritze hängen.

In der Fahrerkabine ist ein riesiges Geschrei, Paula brüllt, tobt, weint und pult in der Mittagspause die armen Insekten aus den verhängnisvollen Ritzen, verweigert sogar das Essen. Erst als wir die Laguna Bacalar, unseren nächsten Übernachtungsstopp erreichen, ist sie wieder einigermaßen versöhnlich gestimmt.

Die Lagune, die eigentlich ein von Cenotensystemen gespeister See ist, strahlt im unwirklichen Türkis gegen den grauen Gewitterhimmel an. Das Wasser hat Badewannentemperatur, nichts zwingt einen zurück an Land. Weil das vielen so geht, wurden netterweise Schaukeln und Hängematten im Wasser installiert, einige halten darin sogar Mittagsschlaf.

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Seit tausenden von Jahren und zum Glück ebenfalls  ungestört wachsen in der Laguna Bacalar Stromatolithen. Die Lagune ist weltweit eine der wenigen ökologischen Nischen in denen diese fossilen Lebewesen bis heute überlebt haben, sogar noch weiter wachsen. Die Bakterienkolonien der Stromatolithen gelten als die ersten Lebewesen auf der Erde, sind in der Lagune Bacalar deshalb so außergewöhnlich, weil sie mit einer Gesamtfläche von 10 km und einer Höhe von bis zu 3m die größten der Erde sind. Die meisten bis heute wachsenden Stromatolithen haben aufgrund besonders hoher Salzkonzentrationen in den sie beherbergenden Gewässern überlebt, in denen das Überleben für Fressfeinde wie Schnecken zu harsch war. Das Wasser der Laguna Bacalar allerdings, ist Süßwasser. Die Bakterienkulturen können deshalb seit 3500 Jahren überleben, weil die Lagune vom Wasser der unterirdischen Flussläufe, welche die Cenoten miteinander verbinden gespeist wird. Dises Wasser, so nehmen die Forscher an, weist seit Jahrmillionen eine ähnliche Wasserqualität auf. Über die Wachstumsgeschwindigkeit der Stromatolithen ist recht wenig bekannt, man schätzt aber, dass sie 0,3-1mm pro Jahr wachsen.

Und wieder mal bin ich erstaunt über den Umgang der Mexikaner mit histrorischem Erbe: Ich kann nicht fassen, dass man in der direkten Umgebung Jahrmillionen alter Lebewesen, die nur durch fadenscheiniges Flatterband abgeschirmt werden, Jungesellinenabschied feiern, ins Wasser pinkeln und Sonnencreme benutzen darf.

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