Nach 10 Monaten auf Reisen

15. Mai 2019: Unsere Batterien machen Probleme. Sowohl die von Roger, als auch die unseren. Beides ist der Hitze geschuldet. Die nächtlichen Ventilatoren und der schwer gegen die Wärme arbeitende Kühlschrank lutschen regelmäßig die Bordakkus unter die erlaubten 12,3V. Unsere Lichtmaschine und die Solarzellen können diese nicht wieder auffüllen.

Auch meine Lichtmaschine schwächelt. Ich sitze am traumhaften Karibikstrand Tulums, strahleblaues Wasser, weißer Korallensand, Palmen, Kokosnüsse und alles, was ich von morgens bis Abends sehnsüchtig herbeiwünsche, ist Kanada. Berge, eiskalte Seen, erträgliche 20 Grad, das sind der Stoff, aus dem meine Träume sind. Karibik, das ist eine Erkenntnis, die ich aus dem 10. Reisemonat mitnehme, ist für mich nur auf Fotos schön. Ich funktioniere nicht in der Hitze, mich nervt permanenter Sonnenschein. Ich brauche wildes, kaltes Meer, Himmel in mehr als einem Blauton, frische Luft in den Lungen, ab und zu Grau, um mich von all den Farben zu erholen. Zu meiner Erschöpfung gesellt sich Wut über meine Unfähigkeit, diese Traumkulisse als traumhaft zu empfinden. Viele würden sicher gerne mit mir tauschen- und ich sitze schmollend am Strand. Das ist bescheuert!

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Wir hatten uns bei Rogers Bau genau überlegt, ob wir eine Klimaanlage brauchen oder nicht, haben uns ganz klar gegen eine entschieden. Der ewige Wechsel von warm zu kalt, von kalt zu warm macht krank, erschwert es, sich zu akklimatisieren. Außerdem gehört es beim Reisen dazu, die Umwelt mit all ihren Facetten zu erleben, und das am Besten bei heruntergekurbelten Scheiben. Woher weiß man sonst wie Wüste schmeckt, wie Regenwald klingt, wie Gletscherluft riecht? Man muss im Winter frieren, in der Hitze schwitzen, im Regen triefen, ansonsten ist die Reise nur eindimensional, ziehen die Bilder unerlebt am Fenster vorbei. Davon sind wir alle überzeugt und doch kommt uns diese Überzeugung gerade ab und zu abhanden. Ich versuche, es positiv zu sehen: Der Schweiß, der mir unaufhörlich aus allen Poren fließt, entgiftet, schwemmt alle Schlacken fort, physisch wie mental.

Vieles kommt zum Vorschein in den letzten Monaten. Wenn man den Luxus hat, sein Leben einmal aus der Vogelperspektive zu betrachten, dann kommt so einiges in Bewegung. Viele Weltenbummler berichten, dass sie von einer längeren Reise verändert zurückgekehrt sind. Oft kann man die Veränderungen nicht genau benennen, merkt einfach das es beim Wiedereintritt in die „alte Welt“ hakt. Wir wissen, dass auch diese Reise uns verändern wird, versuchen schon jetzt die Punkte herauszufiltern, an denen wir voraussichtlich knapsen werden.

Seit unserer Zeit in Afrika hat sich unser gesamtes Wertesystem einmal auf den Kopf gestellt. Nicht jeder der Daheimgebliebenen allerdings konnte oder wollte das sehen. So sind wir immer wieder gegen die alten Versionen unserer Selbst angetreten, mussten dagegen ankämpfen nicht wieder in die alten Rollen zurückzufallen. Wiederkommen war damals sauanstrengend, fast genauso anstrengend wie das Losfahren. Es fühlte sich an, als würde die Lücke, die man hinterlassen hat, nicht mehr passen und als müsste man sich mit Gewalt wieder hineinzwängen. Oft tat das weh, wir haben blaue Flecken davongetragen, mussten uns immer wieder selber hinterfragen, entscheiden in welchem Maß wir uns wieder einfügen können und wollen, haben uns oft gefangen gefühlt.

Wie anders hingegen fühlt sich das Leben auf Reisen an! Es gibt keine vorgestanzte Lücke, die man ausfüllen muss. Wir können jeden Tag neu entscheiden, ob wir uns eckig, rund oder ellipsisch fühlen, nichts zwingt uns, irgendeine Form anzunehmen. Jeder Ort, jede Tageszeit verlangt nach einer anderen Version unserer selbst, wir können nach Herzenslust an-und ausprobieren. Nicht nur für uns ist diese totale Freiheit wir selbst zu sein ein riesen Geschenk: Wir sehen an unseren Kindern, wie sie aufblühen. Vor ein paar Tagen, erzählte uns Carl seinen Traum, der mich in seiner Bildhaftigkeit ziemlich durchgeschüttelt hat:

„ Wir waren mit Roger unterwegs, fuhren im Himmel. Ich war so glücklich, weil ich zum ersten Mal erlebt habe, wie Wolken schmecken, alles war so schön und neu und aufregend. Dann mussten wir zurück nach Hause. Plötzlich irgendwie, und ich sollte helfen beim Geld verdienen. Ich habe in einer Fußballmannschaft gespielt, habe damit Geld verdient. Ich habe viele Tore geschossen, aber mein Trainer war nie zufrieden. Er wollte immer, dass ich anders laufe. Dann bin ich mit Mama einkaufen gegangen und hatte plötzlich große Angst, weil bei Lidl alles voller Frettchen und Ratten war.“

Diese Freiheit allerdings ist auch manchmal anstrengend, macht unsicher. Sie erfordert viel Hinsehen, vor allem wenn gleichzeitig sechs Personen ihre Fühler in alle Richtungen ausstrecken und man doch gemeinsam in eine Richtung blickt. Die letzten 10 Monate haben mich sehr viel Toleranz, Einfühlungsvermögen, aber auch Selbstachtung gelehrt. Die Grenzen der Anderen zu respektieren, erfordert, sich mit eigenen Grenzen auseinanderzusetzen, zu lernen, diese klar auszudrücken. Und auch, sich selber nicht allzu harsch zu beurteilen, Fehler und Schwächen zuzulassen, zu ertragen, dass auch andere diese sehen und benennen. Ich glaube, dass ich gelernt habe, meinen Perfektionismus, einen lebenslangen Quälgeist, in seine Schranken zu weisen. Ich bin geduldiger, nachsichtiger mit mir und anderen geworden. Die Kinder haben jeder ihren festen Platz im Familiengefüge gefunden, Eifersüchtelei und Rangkämpfe gibt es fast gar nicht mehr. Jedes der Kinder ist sich erstaunlich bewusst über eigene Stärken und Schwächen, sie unterstützen sich gegenseitig auf eine Weise, die mir manchmal das Herz zerspringen lässt. Jedes der Kinder kann nun Zweifel  und Frust in Worte fassen, ist sich bewußt darüber, was es braucht um glücklich zu sein. Timm hat gelernt, das Steuer nicht immer allzu fest in der Hand halten zu müssen, auch mal Platz für Copiloten zu lassen. Er nimmt sich Zeit zum Hinsehen und Zuhören, hat seine Taktung, mit deren Tempo viele oft schwer mithalten können, seiner Umwelt angepasst.

Diese neue Leichtigkeit irgendwann wieder einer begrenzten Lücke auszuliefern, macht Angst, vergällt uns manchmal den Blick auf die Heimat. Und doch sehen wir Deutschland, dem wir ziemlich froh waren, für einige Zeit den Rücken kehren zu können, mit frischem Blick. Einen deutschen Pass zu haben ist eines der größten Privilegien der Welt! Ich möchte es hineinschreien in die die ewig nörgelnden Schichten unserer Gesellschaft: Ihr habt es so gut! Ihr müsst Euch nicht für die Ausbildung Eurer Kinder verschulden! Wenn ihr krank werdet, müsst ihr nicht Kredite aufnehmen, um die Rechnungen zu bezahlen! Niemand muss auf der Straße leben, wenn er sich nicht ausdrücklich dafür entscheidet! Im Allgemeinen kann man sich frei und ohne Angst um Leib und Leben in unserem Land bewegen, wir können meistens unserem Justizsystem vertrauen, müssen nicht vor korrupter Polizei bangen. Unser Lebensstandard ist einer der höchsten auf der Erde. Deutschland sollte die glücklichste und dankbarste Nation der Welt sein, sollte das Bedürfnis haben, von diesem Glück abzugeben. Stattdessen nimmt Fremdenfeindlichkeit zu, rechte Hetzer schaffen es, unser Sicherheitsempfinden nachhaltig negativ zu beeinflussen. Wir büßen Mitgefühl ein, gucken lieber nach rechts als nach vorn. Ich wünschte, jeder könnte die Erfahrungen machen, die wir in den letzten Monaten gemacht haben: Die Welt ist ein schöner Ort voller guter Menschen, uns eint viel mehr, als uns trennt, wenn wir es zulassen.

Mit dieser Haltung wimmelt es plötzlich von Freunden. Oft wundere ich mich, warum uns so viel Freundlichkeit, Großzügigkeit und Gastfreundschaft entgegengebracht wird. Ich glaube, weil wir uns genau auf diese positiven Erlebnisse konzentrieren. Wir sind das, was wir denken und unser Fokus bestimmt unsere Wirklichkeit. Genau darum empfinden wir Mexiko als einen schönen, freundlichen Ort und haben trotz negativer Presse keine Angst. Wir konzentrieren uns auf das, was WIR sehen, was WIR erfahren, nicht auf das, was außerhalb unserer eigenen Wahrnehmung passiert. Das ist auch der Grund, warum Freundschaften mit anderen Reisenden oft in kurzer Zeit eine ziemliche Intensität entwickeln. Wir nehmen das, was wir in diesem Moment sehen als Basis für unser Urteil. Es ist egal, ob jemand im normalen Leben Investmentbanker oder Tabledancer ist, aus welchem Land man kommt, ob man religiös ist oder nicht,… alles was zählt, ist die momentane Schwingung. Auf Reisen hat man keine Zeit, einander auf Herz und Nieren zu prüfen, einander abzuchecken. Manchmal bleiben nur wenige Stunden zusammen- und die nutzt man. Mit vor 30 Minuten noch völlig Fremden kocht man aus den gemeinsamen Kühlschrankinhalten ein Abendessen zusammen, liegt gemeinsam unter dem Auto, um Probleme zu beheben, schenkt sich großzügig die Dinge, die man nicht mehr benötigt, lässt sich auf eine Nähe ein, die vielen zu Hause den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Hier in Tulum verbringen wir unsere Tage mit den Piraten Iris und Sven und mit Ryan und Camille. Mit den Piraten hatten wir uns verabredet, Ryan und Camille sind zu uns gestoßen, weil Ryan tagelang darüber nachdenken musste, warum unsere Batterien nicht laden, nun endlich die Lösung hat und Timm beim Reparieren helfen möchte. Als Sven und Iris ein Problem mit ihrer Radaufhängung haben, Ryan und Camille ihren Generator nicht in Gang bekommen, liegen auch hier alle gemeinsam unter dem Auto. Es sind nur wenige Tage, die wir miteinander verbringen und doch weiß ich, dass jeder von uns für die jeweils anderen tagelang fahren würde, würde Hilfe benötigt. Ähnliches haben wir in Südafrika unter Expats erfahren. Viele unserer engsten Freunde stammen aus Zeiten, in denen wir uns fern unserer alltäglichen Welt befunden haben, in denen man  wertefrei sein Herz geöffnet und jeden hineingelassen hat, der anklopfte. Ich hoffe, dass uns diese Fähigkeit nie mehr verlassen wird. Die Chancen stehen gut, dass dieser Wunsch in Erfüllung geht. Oft haben wir in den letzten Monaten festgestellt, hat uns das Schicksal genau das präsentiert, um das wir in diesem Moment gebeten hatten. Ob es Begegnungen mit Menschen waren, oder die Lesebrille, die mir die Wellen vor die Füße spülen, als die Buchstaben meines Buches  mir vor den Augen verschwimmen. Oder die Flip Flops die plötzlich ( in der richtigen Größe) in unserem Camp stehen, nachdem ich meine verloren habe. Oder Ryan, Camille, Iris und Sven, die der Hitze einfach ins Gesicht lachen und ihr so die Schwere nehmen, mich auf den Boden zurückholen und daran erinnern, dass Schwitzen schon bei den Mayas heilsamen Zwecken diente.

2 Gedanken zu „Nach 10 Monaten auf Reisen

  1. Wenn ich einmal als Fachmann, zu der Causa Stromverbrauch etwas sagen darf. Kühlschrank und sehr hohe Temperaturen, passen im WoMo nicht so recht zusammem. Physik kann man einfach nicht ignorieren. Absorber Gas Kühlschränke kommen hier an ihr Limit und Kompressor Kühlschränke, wie bei euch, laufen dann praktisch rund um die Uhr, was ein Tagesverbrauch, je nach Modellgröße, von 90 bis fast 200Ah ist. Herkömmliche Batterien benötigen deshalb eine komplette Aufladung, die nur durch ein Ladegerät mit „Landstrom“ erfolgen kann, ohne die Batterie mittelfristig zu schädigen. Andernfalls verschleißt die Batterie schnell und der Verschleiß beschleunigt sich dadurch noch und wird immer größer. Soweit die Theorie, die euch konkret auch nicht viel nützt, aber vielleicht hilft bei der Bewältigung.
    Deshalb will ich mich auch um die Praxis nicht drücken. Sind die Batterien erst einmal massiv geschädigt hilft nur stetiges Aufladen mit Landstrom oder viel Fahren. Das lässt sich bei eurer Art zu Reisen selten realisieren. Dann helfen nur neue Batterien, damit ist das Problem aber nur aufgeschoben und wird früher oder später wieder auftauchen. Größere Batterien schieben die Entladung auch nur nach hinten, denn aufladen muss man sie auch. Ihr habt praktisch nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, auf Deutsch gesagt, die Arschkarte.
    Es gibt tatsächlich, mit der heutigen Technik, eine Lösung, die euch aber hier nicht weiter hilft. Moderne LiFeYOP4 Akkus vertragen, je nach Kapazität, Ladeströme bis zu 200A, da reicht die Fahrt zum Bäcker, entsprechende Ladebooster vorausgesetzt, um die Batterien auf zu laden. Auch niedrige Ladezustände schaden der Batterie nicht. Positiv, man brauch nur die Hälfte der sonst benötigten Batteriekapazität, Negativ, der Preis, so ca. 1000 Euro pro 100 Ah. Allerdings angebotene Plug In Systeme, sind mit Vorsicht zu genießen und der Einsatz, ohne spezielle Elektronik Kenntnisse, kann deshalb sehr teuer werden. Also in eurem Fall auch keine Empfehlung.
    Tut mir leid euch nichts Besseres anbieten zu können, da müsst ihr durch.
    Liebe Grüße Jochen

    • Danke Jochen! Tatsächlich gibt es keine perfekte Lösung, aber wenn wir zwischendurch fahren (wenn die Lichtmaschine dann die Batterien läd) und ab und zu den Generator anschmeißen geht es. Strom sparen müssen wir in solchen Fällen trotzdem, also keine Ventilatoren in der Nacht und wenn möglich mal den Kühlschrank aus. Liebe Grüsse

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