Veracruz & Lago Catemaco

„Veracruz“, das klingt schön, ist aber erstaunlich hässlich. Die Hafenstadt am Atlantik ist Mexikos älteste spanische Siedlung. Wir kommen nicht, um koloniale Bauten zu bestaunen, sondern hauptsächlich, um unseren Tank mit sauberem Wasser, „Agua Purificado“, aufzufüllen. Etwas, wofür man in Deutschland einfach den Hahn aufdreht, erfordert hier in Mexiko starke Nerven. Die Strom- und Telefonkabel hängen extrem tief, immer wieder bleiben wir stecken und einer muss aufs Dach um die Leitungen hoch zu halten.

Auch Einkaufen ist hier alles andere als entspannt: Im Walmart patrouillieren schwer bewaffnete und vermummte Männer die Gänge.  Auf dem sündhaft teuren Campingplatz fährt in der Nacht die Polizei ihre Kreise, steht am nächsten Morgen neben uns bis wir fahren. Irgendetwas ist anders hier in Veracruz. Ich habe zwar keine Angst, aber ein mulmiges Gefühl. Wir geraten in eine Polizeikontrolle, der Polizist möchte uns ein Ticket aufbrummen, weil wir angeblich nicht geblinkt haben, wir antworten dickfällig mit vom starken deutschen Akzent eingefärbtem Englisch:                                                             „Whott ditt hie säj? Soooori, no espanjooool“, halten ihm immer wieder unsere sorgsam abgehefteten Papiere, und als einziges spanisches Dokument die mexikanische Autoversicherung unter die Nase, grinsen, tun so als könne es sich nur um ein Missverständnis halten, weil wir ja schließlich alle Papiere haben. Irgendwann winkt er ab, steigt auf sein Motorrad und braust davon. Sehr schnell. Zu schnell!

An jeder Straßenecke scheinen hier Polizeikontrollen zu sein, meistens winkt man uns durch. Wenn nicht, dann haben die Beamten Lust auf einen Plausch, geben uns die Hand fragen wo wir herkommen, heißen uns willkommen. Nicht einmal bekommen wir eine Antwort auf unsere Frage nach so viel Polizeipräsenz. Immer heißt es Sicherheitsroutine. Und komischerweise bin ich nur allzu schnell bereit, das zu glauben. Eine innere Stimme schüttelt ungläubig den Kopf. Bemüht, Mexico und die extrem gespaltenen Meinungen dieses Land betreffend zu verstehen, habe ich in den letzten Wochen viel über den Drogenkrieg in Mexiko gelesen. Seit 2006 versucht die Regierung, mit harten Mitteln gegen den völlig außer Kontrolle geratenen Drogenhandel vorzugehen. 200.000 Menschen sind seitdem bei Anschlägen, Schießereien, bei Entführungen und Vergeltungsschlägen der konkurrierenden Kartelle ums Leben gekommen. Alle zwei Minuten verschwindet auch heute in Mexiko ein Mensch, wird, wenn überhaupt in einem der zahlreichen Massengräbern die überall im Land versteckt sind, gefunden. Anfang März 2017 hatte man im Osten des Bundesstaates Veracruz ein zwei Jahre altes Massengrab mit 166 Toten gefunden, es war das bis dahin 152. Massengrab seit 2016. Im Präsidentschaftswahlkampf 2018 wurden 120 Politiker ermordet, zumeist Lokalpolitiker. Nicht selten wird die Polizei beschuldigt, an diesen Gräueltaten mitzuwirken. Weil sie mit den Kartellen freiwillig oder aus Angst um ihre Familien zusammenarbeiten. Oft sind Polizisten in Mexiko vermummt, um die Identifizierung zu erschweren. Das Vertrauen in die Polizei ist so gut wie nicht vorhanden, seit 2014 eine Gruppe von 43 Studenten von einem Kartell in Zusammenarbeit mit der Polizei entführt und sehr wahrscheinlich ermordet wurde. Warum also, habe ich nicht das Bedürfnis so schnell wie möglich das Land zu verlassen? Tatsächlich und anders als von mir bisher angenommen, kann es hier jeden treffen, nicht nur diejenigen, die etwas mit Drogenhandel oder Drogenkartellen zu tun haben. Weit verbreitet sind hier sogenannte „Safe Houses“, meist luxuriöse Landsitze, in denen Waffen und Drogen versteckt, entführte Menschen gefoltert und getötet werden. Aus Versehen einmal falsch abzubiegen, an einen Ort zu gelangen an dem Dinge passieren, die man nicht hätte sehen sollen, ist so unwahrscheinlich nicht. Trotzdem haben wir keine Panik, fühlen uns nicht bedroht, freuen uns über schöne Landschaften, freundliche Polizisten. Hat uns unsere Zeit in Südafrika abgestumpft? Haben wir einen anderen Gefahrenradar als andere? Sind wir total naiv oder gar lebensmüde? Fakt ist dass das, was wir persönlich erleben und das, was man hört und liest extrem auseinander klaffen. Wir haben nur freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen, keinen einzigen Reisenden, der etwas zu den Horrorgeschichten hinzufügen konnte. Jede Straßensperre hat sich bisher als eine Ansammlung Chips essender Dorfbewohner entpuppt, die versuchen ihre Dorfkasse aufzustocken. Vielleicht haben wir einfach Glück, vielleicht sind die Zeiten ruhig im Moment und vielleicht ist die Welt in der sich Reisende hier bewegen eine Art Parallelwelt, die von all dem Horror unbeschadet weiter existieren kann ( Nachtrag: Nur zwei Tage später wird in einem kleinen Ort in der Provinz Veracruz, keine 40 km von uns entfernt eine ganze Familie bei einer Kindergeburtstagsfeier niedergeschossen. Es handelt sich um einen Racheakt eines verfeindeten Kartells). Wir wissen nicht, warum wir Mexiko so mögen, fragen uns täglich, ob wir total bescheuert sind, hier zu reisen, ob die Tatsache dass uns oder Bekannten bisher nichts passiert als Rechtfertigung dafür genügt. Wir halten uns an die Reise-und Sicherheitshinweise des auswärtigen Amtes. Vermeiden, so gut es geht, besonders kritische Orte. Wir fahren niemals nachts, campen nur an bewachten Orten, versichern uns bei Einwohnern, ob es gefährlich ist, fühlen uns sicher. Auch wenn die Fakten eine andere Haltung erfordern würden.

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Ein ganz kleines bisschen entspannter bin ich dann doch, als statt der vermummten Polizisten irgendwann nur noch grüne Hügel, Bananenstauden, Kokospalmen und dichter Dschungel die Straße säumen. Immer enger werden die Kurven, steiler die Straße, riesige Mangobäume werfen Schatten und Früchte auf die Fahrbahn. Es riecht nach feuchter Erde, zirpt und zwitschert, ab und zu jault Roger. Versonnen blicke ich aus dem Fenster, dann zu Timm und merke erst jetzt, wie tief die Falte zwischen seinen Augenbrauen ist.                                                                                                                         „Roger kriegt keinen Diesel, irgendetwas stimmt nicht“. Sobald wir in den niedrigen Drehzahlbereich fallen, stottert er, das fällt auch mir jetzt auf.                                            „Wir brauchen eine Werkstatt“ sagt Timm,                                                                 „Unmöglich“ denke ich bei dem Blick aus dem Fenster und auf die Uhr. Es ist fast 18 Uhr und wir sind mitten im Dschungel.

Wider Erwarten ploppt eine halbe Stunde später tatsächlich eine überdachte Halle rechts von uns auf. Zwei Männer schrauben, heben ihre ölverschmierten Köpfe. Der Chef komme gleich sagen sie uns, nachdem wir unser Problem geschildert haben. Um die Zeit zu überbrücken, schwingt Timm selbst ein bisschen den Schraubschlüssel, hat, als der Chef mit leicht bierstaksigem Gang auf uns zukommt, bereits das Problem erkannt: Wenn wir Glück haben, sei es nur eine lose Schraube, welche die Dieselzufuhr einschränkt.

Ob wir nicht trotzdem seine Gäste sein wollen, fragt der Chef, stellt sich als Roberto vor. Wir könnten auf seinem Hinterhof campen, dort sei es sicher. Wir wollen und werden dafür mit einem Abendessen aus Frijoles (gestampfte Bohnen) und Tamales (gedämpfte, mit Hühnchen gefüllte Maisknödel) belohnt. Roberto und seine Frau Maria erzählen uns von dem Beginn ihrer Liebesgeschichte, wie sie zunächst jahrelang Brieffreunde waren bis er sich ein Herz fasste und sie bat, seine Frau zu werden. Sie erzählen vom Leben in Mexiko, darüber dass es schade ist, dass Mexiko ein so schlimmes Image hat, dass die USA durch ihre Waffengesetze indirekt die Kartelle mit diesen versorgen und überhaupt der größte Absatzmarkt der geschmuggelten Drogen sind. Sie erzählen von irhen zwei Kindern und den Enkeln und davon, dass es im Nachbarort Catemaco viele Hexen gäbe.

Die Nacht wird wieder einmal schrecklich. Es ist unglaublich heiß und schwül, die Ventilatoren der Kinder machen, ein paar Mal zu oft runtergefallen, einen Heidenlärm. Die Lüftung des Kacktanks ist verstopft, der Geruch von Dixieklo kriecht bis in die letzte Ritze. Ich versuche auf dem Dach zu schlafen, bezahle für diese Dummheit mit 156 Mückenstichen. Carl verbringt die Nacht vor dem Kühlschrank, macht ihn immer mal wieder heimlich auf, um sich abzukühlen. Am Morgen sind die Akkus leer. Sowohl unsere, als auch die Batterien, die den Wohnkoffer mit Strom versorgen. Wir brauchen eine Fahrpause, ein paar Tage Auszeit an einem Ort. Der Lago Catemaco, der drittgrößte Süßwassersee Mexikos, nur 11km entfernt , scheint ein sehenswürdiges Ziel. „Sein touristisches Potential sei ausbaufähig“ , lesen wir und wissen spätestens nach diesem Satz, dass wir uns hier sauwohl fühlen werden.

Desserttellergroße Schmetterlinge zeigen uns den Weg durch den dichten Dschungel. „Not big rig friendly“, nicht für große Camper geeignet, sagt ein Kommentar auf unserer App zu dem Weg, der zum „La Jungla“ Campingplatz am Ufer des Sees führt.               „Ach, die können alle nicht richtig mit ihren Fahrzeugen umgehen, wir müssen für der Amazonas üben“, ist Timms Antwort. Carl und Paula sitzen also auf dem Dach, halten die Zweige zur Seite, rufen Kommandos von oben herab. Ich versuche, nachdem ich alle Mückennetze von den Fenstern entfernt habe, damit sie nicht von den Zweigen zerrissen werden, vergeblich und lange aus dem schaukelnden Wohnkoffer wieder nach vorn zu gelangen,  werde immer wieder von Wand zu Wand geschleudert. Das Wort „Amazonas“ beginnt langsam negative Bilder in meine Vorfreude zu fräsen.

Nach einer halben Ewigkeit haben wir dann den Platz erreicht, an dem Mel Gibson einen Großteil seines Films Apocalypto gedreht hat, den ich aber als das reinste Paradies empfinde. Er ist all das, was wir brauchen: Die beiden Mädchen der Besitzer freunden sich mit unseren Kindern an, spielen stundenlang Verstecken und Ticker, schwingen sich an Seilen in den Naturpool, rutschen auf einer Wasserrutsche durch den Dschungel.

Wir holen Motte vom Dach, machen einen Ausflug  über den See ins Hexendorf Catemaco, besuchen die Affeninsel mitten im See, auf der thailändische Makakenaffen ausgesetzt wurden. Beim Morgenyoga auf dem Steg schwimmen Krokodile vorbei, nachts leuchten deren Augen blutrot im Schein der Taschenlampen. Brüllaffen singen uns in den Schlaf (angeblich sind ihre Schreie der Basislaut aus dem in „Jurrassicpark“ das Brüllen der Dinos entstand), morgens wecken uns jeden Tag um dieselbe Zeit fünf Aras, die in der Palme neben unserem Truck frühstücken.

Wir schließen Freundschaft mit Sven und Iris, die wir bald die „Piraten“ nennen und mit Camilla und Ryan von „theretoday“. Der Osterhase versteckt Süßigkeiten im Dschungel, leider ohne vorher gelesen zu haben, dass sämtliche Kaubonbons und Lollies Chilli enthalten. Fünf luxuriöse Tage können wir uns nicht losreißen, und als wir es dann endlich schaffen, bleibt ein Teil unseres Herzens bockig mit verschränkten Armen auf dem Steg sitzen, tobt seitdem mit den Brüllaffen durch das Gelände von “la Jungla“.

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