Baja California- Los Cabos

Nur sehr schwer können wir uns von Todos Santos losreißen, fahren nach 4 Nächten eher widerwillig weiter nach Süden, um unsere Inselumrundung zu beenden. Während der nördliche Teil jenseits des Grenzstreifens eher spärlich besiedelt ist, findet man hier im Süden in den Orten „Cabo San Lucas“ und „San Jose del Cabo“ all die Scheußlichkeiten, die der Massentourismus zu bieten hat: Allinclusive Resorts, Golfplätze, Hotels, Partyszene und zwischen den beiden Orten verschwindet die Küste im Rekordtempo. In Cabo San Lucas finden wir eine Baulücke zwischen zwei Resorthotels, welche auch die Lokals als Strandzugang nutzen. Im Hotel rechts von uns feiert man Hochzeit- der Bräutigam führt gerade die Braut zum Eröffnungstanz auf die Tanzfläche. Auf den Fotos der Gäste wird man, sofern der Hintergrund scharf ist, eine Karavane Touristen sehen, die ungelenk auf gemieteten Pferden sitzend in den Sonnenuntergang reiten. Ein kleiner dicker Mann angelt, versucht, den Haken schneller einzuholen, als die Wellen diesen zurück an den Strand spülen, wäre er ein Comic, würden seine Arme wie Räder rotieren. Eine mexikanische Familie isst Tacos unter einem weißen Pavillionzelt, die Oma sitzt als einzige auf einem Stuhl, ihre kleine Enkelin spielt mit deren Zopf, der in einem dicken geflochtenen Strang ihren Rücken herabfließt. Carl macht Flickflack den Hang hinab, vorbei an einer Reihe vermutlich europäischer Touristen die ihre Stühle in einer ordentlichen Reihe am höchsten Punkt des Strandes aufgestellt haben, Rot-und Weißwein trinken, in der Luft hängt der Geruch der übervollen Mülltonnen und von Pferdemist. Aus den schattigen Hügeln tauchen Lichter auf, es sieht aus, als würden Sterne angeknipst. Nun wird es laut die Restaurants und Bars.

Am nächsten Morgen halten wir nur kurz im Ort, um unsere lokale Simkarte mit Daten aufzuladen und um Wasser zu tanken. Die Wasserqualität ist in weiten Teilen Mexicos  so schlecht, dass man Trinkwasser an Wassertankstellen kauft, entweder in großen Flaschen, oder wie in unserem Fall, vom Gartenschlauch direkt in den Wassertank. Je nach Örtlichkeit variieren die Hygienevorschriften der Abfüllstationen. Hier am Touristenhotspot arbeiten die Abfüller mit Mundschutz, Handschuhen und Haube.

Über Schotterpisten geht es weiter, die Kinder sitzen auf dem Dach, wir campen wild an einem kleinen Strand, machen unser erstes Lagerfeuer seit Kanada. Zum Morgenkaffe springen Humphbacks aus dem Wasser, ein Pferd schaut zur Küche herein. Um die schlechte Schulstimmung zu vertreiben, toben die Kinder in den Wellen, aufgrund der straken Strömung allerdings sehr sehr nah am Strand. Auf holprigen Pisten geht es durch trockene, von niedrigen Sträuchern und Kakteen bewachsene Steinwüste weiter. Entlang des Weges stehen Stacheldrahtzäune, plakatiert mit „ Betreten Verboten“, „Privatgrundstück“- Schildern und fast immer befindet sich darunter eine Telefonnummer. Es wirkt, als haben einige Wenige hier denn Wettlauf um sehr viel Land gewonnen, um es dann mit Hoffnung auf das große Geld zu entwickeln. Aus dem Nichts erscheinen imposante Häuser, manchmal die Gerippe unvollendeter Baustellen.

Am späten Nachmittag erreichen wir den kleinen Strand „ Los Arbolitos“ in Cabo Pulmo, an dem sich das Korallenriff befindet. Zunächst sind wir ernüchtert. Zwischen verstreutem Müll, Hundehaufen und herumpickenden Hühnern finden wir nur mühsam einen einigermaßen waagerechten Platz für Roger. Der kugelrunde Mann bei dem wir die Campinggebühr bezahlen, hat wenig Interesse daran, seinen Gästen einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten. Der Müll stapelt sich neben den überquellenden Mülltonnen, in der Dusche häufen sich verkrustete Seifenstücke und vergessene Badekleidung, den Strand benutzen seine Hunde ebenfalls als Toilette. Da wir aber nicht wegen des Strandes und der Duschen gekommen sind, versuchen wir, darüber hinweg zu sehen, und gehen mit den Kindern schnorcheln.

Das Riff von Cabo Pulmo ist das älteste der drei Korallenriffe an der Westküste Nordamerikas. Wie viele Riffe der Welt ist auch dieses stark bedroht, verlor zwischen den Jahren 1997 und 2003 fast 50 % seiner Korallenpopulation durch verschiedene natürliche Ereignisse wie Hurrikanes und Auswirkungen von El Niño. Direkt am Strand liegt das erste Riff und die Kinder können in Sichtnähe schnorcheln, sind begeistert. Max sieht eine Wasserschlange, schwimmt durch Schwärme silbrig glitzernder Fische, staunt über all das bunte Gewusel, das er sonst nur aus dem Aquarium kennt. Auch am nächsten Morgen geht es zurück ins Wasser, Schule findet heute hier statt, am Riff.

Da unser Kühlschrank bedrohliche Ebbe aufweist, fahren wir nach einem spärlichen Mittagessen weiter Richtung La Paz, der Hauptstadt der Baja und dem Ort von dem aus die Fähren aufs mexikanische Festland fahren. Nach einem ausgiebigen Walmart Stop, campen wir zunächst eine Vollmondnacht auf einer Landzunge zwischen der Bucht von La Paz zwischen feinen Sanddünen. Hier, so hatten uns Anja und Stefan erzählt, kann man vom Strand aus die jährlich migrierenden Walhaie beobachten, die von Oktober bis März auf der Suche nach Futter die Küsten patrouillieren. Der Walhai ist der größte Hai und der größte Fisch weltweit, kann eine Größe von bis zu 13m Länge erreichen. Den Zusatz „Wal“ im Namen verdankt er seiner Ernährungsweise: Als Planktonfresser filtert er mit einem gigantischen Maul tonnenweise Krill aus dem Meerwasser, ist somit, wie auch Wale, für den Menschen nicht gefährlich, sodass hier Schnorchelausflüge mit den Walen angeboten werden. Obwohl weltweit in fast allen subtropischen warmen Gewässern anzutreffen, ist sein Bestand stark gefährdet und er steht auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Mit 10-30 Jahren ist der Walhai geschlechtsreif. Forscher glauben, dass das Weibchen das Datum der Geburt bestimmen kann und nur dann Jungen gebärt, wenn sie meint, dass diese eine hohe Überlebenschance haben. Man glaubt, dass sie in der Lage ist, bis zu 300 lebende Jungen zu gebären, wobei diese sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden können. Die am weitesten Entwickelten befinden sich der Geburtsöffnung am Nächsten. Vermutlich um vor Fressfeinden geschützt zu sein, entwickeln sich die kleinen Walhaie in großer Tiefe von bis zu 300m, steigen erst mit circa 8 Jahren in höher liegende Wasserschichten auf. Obwohl die Haie für den Menschen nicht gefährlich sind, widerstrebt mir der Gedanke, mich mit den Kindern in ihrer Nähe zu schnorcheln. Zu groß ist meine Angst, dass sie aus Versehen in eines der riesigen Mäuler gesaugt werden könnten. Stattdessen positioniert sich Lotta mit ihrer Drohne am Strand und fliegt, sobald die ersten Ausflugsboote die Position der Wale verraten, hinaus aufs Meer, um ein paar Aufnahmen von oben zu machen. Es dauert keine 10 Minuten, da springt aus einem Motorboot ein Offizier der Küstenwache an den Strand. Wenn die Haie hier sind, so erklärt er, ist es verboten hier mit der Drohne zu fliegen. Lotta, der die Panik einer Drohnenkonfizierung deutlich im Gesicht steht, stammelt überzeugende Entschuldigungen, bietet an, das Material sofort wieder zu löschen. Zu Beginn eher schroff, wird der Beamte zunemens weicher, gestattet ihr, ihre Aufnahmen zu behalten, wenn sie verspricht, diese nicht auf sozialen Netzwerken zu teilen. Schweren Herzens halten wir uns an dieses Versprechen- die Bilder aber, so viel kann ich sagen, sind absolut großartig!

Um uns auf die Überfahrt aufs Festland vorzubereiten, buchen wir uns 5 Tage auf einem Campingplatz etwas außerhalb La Paz ein. Als erste und letzte Anlaufstelle, je nach Reiserichtung, treffen sich hier alle Overlander, die zwischen Mexiko Festland und Baja California unterwegs sind. Wieder wird uns bewusst, wie klein die Welt ist, als wir ein Paar aus Kanada treffen, mit denen wir Bekannte in Vancouver teilen. Nach 3 Wochen Baja befindet sich Sand in jeder Ritze unseres Zuhauses. Von der Zahnbürste bis zum Eisfach befreien wir jeden Zentimeter von den kratzenden Krümeln, waschen unsere nur noch undeutlich farblich festzulegende Bettwäsche, wachsen den Holzboden, Timm schneidet uns allen die Haare. Außer einem Ausflug an die Promenade und einem Bummel durch La Paz, genießen wir ein paar Tage Ereignislosigkeit. Die Jungen spielen stundenlang Lego, Lotta spielt Gitarre und zeichnet, Paula bastelt, liest und tobt im Pool. Baja California gilt als die sicherste Provinz Mexikos und obwohl ich beschlossen habe, mich nicht verrückt machen zu lassen, liegen mir die „Reisewarnungen“ doch ein wenig auf der Seele. Wie jedes Mal wenn Veränderungen anstehen, schlafe ich schlechter, bin ein wenig nervös, versuche mich, mit Geschäftigkeit zu beruhigen.

Es gibt zwei Fährverbindungen, die Baja California mit dem Festland verbinden. Eine Fähre, die sich auf Reisende spezialisiert hat und eine Truckerfähre. Während die Erste etwas komfortabler ist, bietet Zweitere den Vorteil, dass wir im Truck übernachten können und uns so ein ziemliches Gepacke erspart bleibt. Als wir zwischen einem Fisch- und einem Schweinelaster an der Kontrolle stehen, bereue ich diesen Entschluss fast. Nach der Kontrolle unserer Importgenehmigung für den Truck, soll Timm auf einen Knopf drücken, der per Zufallsprinzip entscheidet, ob Roger einer genaueren Inspektion unterzogen wird. Wir haben Glück, die Ampel springt auf Grün, wir dürfen ohne weitere Kontrolle zur Waage fahren. Nach dem Wiegen wird uns ein Papier ausgestellt, mit dem wir dann im Büro unsere Tickets ausstellen lassen können.

Als wir wenig später eng an eng auf dem Oberdeck stehen, uns der vertraute Geruch von Motoröl, Hafenwasser und Abwasserleitung in die Nase steigt, sind die Kinder glücklich. Ich fühle mich wie zu Hause, flüstert mir Paula strahlend ins Ohr als wir im Mannschaftsraum, von Westernschießereien beschallt, zwischen den Truckern sitzen und unser Abendbrot essen: Reis, Bohnen und Fleischeintopf mit Tortillas. Zu Trinken gibt es „Agua“, eine mehlige, leicht nach Kakao schmeckende Flüssigkeit, die wir nur mit Mühe schlucken können. Diese Tapferkeit wird leider nicht belohnt. Als wir eine Stunde später alle friedlich in unseren Betten liegen, quält die Kinder das Schaukeln des Schiffes und nur mit Mühe und einigen Vomextabletten gelingt es uns, das „Agua“ im Magen zu behalten. Den Rest der Überfahrt verschlafen wir, werden erst wach als sich die Hügel Matzatlans am Horizont abzeichnen.

4 Gedanken zu „Baja California- Los Cabos

  1. gestern lief auf 3sat ein mehrteiliger und stundenlanger bericht yber ein paar tv-leute (gelændewagen mit winsener nummer), unterwegs von alaska nach feuerland; die teile von mexico nach panama hab ich verschlungen! mal sehen, wie ihr dann den DARIEN-GAP meistert.
    vielen dank fyr die tollen bilder und eure eindrycke, gute weiterfahrt!
    toby

    • vielen Dank Toby! So sehr Timm es sich wünscht, aber den Darien Gap werden wir ganz konventionell umschiffen. Die Gefahren sind mir mit den Kindern zu groß, noch dazu ist es nicht legal mit dem Auto dort durchzufahren ( Naturschutz plus indigene Völker), vielleicht hatte das Fernsehteam eine Sondergenehmigung?! Liebe Grüße

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