Die Prärien- Saskatchewan & Manitoba

Wären die Prärien Kanadas ein Essen, dann wäre es Hafergrütze. In Wasser gekocht, ohne Zucker oder Honig. Im Herzen Kanadas sei nichts, nichts von Bedeutung, hier müsse man einfach aufs Gaspedal treten, durchrauschen. Das wird uns jedesmal gesagt, wenn wir unsere geplante Reiseroute verkünden. Kann aber ein Ort, dessen Namen ich drei Wochen lang üben muss, um ihn richtig auszusprechen, wirklich langweilig sein?

 „Sas-ka-tche-wan“: Der Klang jedenfalls erzeugt in mir Bilder, die alles andere als langweilig sind. Sanft im Wind wogende Graslandschaften, endloser Himmel auf dem die Wolken ihre Muster malen, Büffelherden am Horizont, auf einer Anhöhe ein Indianer. Er sitzt auf einem gescheckten Pferd, schaut selbstvergessen in die endlose Weite, der Wind spielt mit den Federn seines Kopfschmuckes. So war es vielleicht, bevor die weißen Farmer kamen, die Büffelherden abschlachteten und das Grasland in Weizenfelder verwandelten. Was geblieben sind, ist unendliche Weite. Dramatischer Horizont. 

Während Saskatchewan in etwas die Größe von Frankreich, der Schweiz und den Beneluxstaaten zusammen hat, ist es (laut Wikipedia) so dünn besiedelt wie Tibet. Die meisten Bewohner dieser Provinz leben im Süden, innerhalb eines 500km Streifens zur Grenze der USA. Die Waldgebiete des Nordens sind kaum bewohnt, zu unwirtlich ist hier das Klima, zu unerschlossen das Gebiet. Selbst im Süden der Provinz erscheint das Wetter wie eine rachsüchtige Diva. Die kurzen Sommer sind heiß und trocken, nachts allerdings können die Temperaturen auf den Gefrierpunkt sinken. Es hagelt im August, und 18-20 Mal im Jahr fressen sich Tornados durch die Landschaft. Ab September ist Herbst, die Temperaturen fallen schnell auf Tagestemperaturen von -15, -21 in der Nacht. 

Gemessen an der Gesamtpopulation der Provinz, leben in Saskatchewan mit 13 % anteilmässig die meisten indianischstämmigtn Menschen Kanadas. 30 % der Einwohner, das finden wir erstaunlich, allerdings haben deutsche Wurzeln. Auch im benachbarten Manitoba sind Einwohner mit deutschen Wurzeln die zweitgrößte (19 %) ethnische Gruppe nach den Engländern, während indianischstämmige mit nur 10,6 % vertreten sind. Auch heute betreibt die Provinz Manitoba eine aktive Einwanderungspolitik, wirbt auf ihrer Homepage gezielt deutsche Einander an. Die indianischen Völker hingegen, von denen 60% in Reservaten leben, von denen ein Großteil im Winter schwer zugänglich ist, kämpfen mit Isolation, fehlender Infrastruktur, Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit. Von alledem allerdings bekommen wir auf unserem Fahrmarathon wenig mit.

Vom Lake Superior aus fahren wir den ganzen Tag, mit wenig Pausen. Die Stimmung ist gut, ein wenig wie am Start einer Klassenfahrt. Wir freuen uns auf Neues, haben ein Ziel, vor uns liegen 2000 Kilometer Ödnis-wenn das kein Grund für Bauchkribbeln ist. Als uns nach den ersten 600 km die Dunkelheit schluckt, befinden wir uns noch immer in den Wäldern Ontarios. Nie hätte ich gedacht, dass ich diese einmal satt haben könnte. Wo bleiben die Weiten, die Einöde? Timm fährt bis nachts um 3.00. Während die drei Kleinen und ich versuchen, etwas Schlaf zu finden, bleibt Lotta tapfer an Timms Seite sitzen. Nach 3 Stunden Schlaf geht es für Timm weiter und als wir anderen gegen 9.00 aufwachen, befinden wir uns landschaftlich irgendwo südlich von Hamburg. Sanfte grüne Hügel, durchzogen von Reihen und Inseln von Fichten und Birken. Dazwischen grasende Kühe, abgeerntete Weizenfelder. Hässlich und öde ist wirklich etwas anderes, ein „Nichts“ hat für mich ein anderes Gesicht.  

Je weiter wir Richtung Westen kommen, desto karger wird die Landschaft. Das satte Grün verschwimmt zu einem gelbgrün, verblasst schliesslich zu gelb. Der Baumwald weicht einem Buschwald, flacht immer mehr ab, bis irgendwann nur noch verbranntes Gras und abgeerntete Felder zu sehen sind. In Broadway, einem kleinen Ort am Transcanada Highway fahren wir ab, folgen den Schildern der uns zu einem Community Campingplatz führt. Durch verwaiste Straßen, vorbei an Häusern, von denen sich die Farbe schält, fahren wir, treffen auf keine Menschenseele. Der Campingplatz, vom lokalen Lionsclub unterhalten, ist erstaunlich gepflegt, in den Blumenkübeln blühen rote Geranien. Noch. Es ist deutlich kühler geworden, ich verteile warme Jacken. 

Am nächsten Tag brechen wir nach dem Mittagessen auf, fahren wieder den ganzen Tag. Es ist kühl und regnerisch, der Himmel ist rauchgrau, zeichnet scharfe Kanten gegen das warme Gelb der Ebene, wirkt drückend. Wir fahren durch Regina, die Hauptstadt Saskatchewans, fühlen uns in einer Welt nach der atomaren Katastrophe. Der Gegensatz zwischen den sattgrünen Wäldern Ontarios und dieser Landschaft hätte nicht größer sein können. Wir saugen das kleinste Detail mit gierigen Augen auf. Die Weite, die scheinbare Ödnis, die vordergründige Monotonie der Landschaft erinnern uns an Afrika. Die reizlose Weite beruhigt uns. 

Nach sechs Hörspielfolgen TKKG und Chips und Sandwiches in der Fahrerkabine beschliesst Timm, nicht wie geplant die Nacht durchzufahren. Nicht, weil er müde ist, sondern darum, weil er mehr möchte von dieser Landschaft, die uns so sehr zurück in unsere geliebte südafrikanische Karoo versetzt. Wir fahren vom Highway ab, einen Feldweg entlang, parken auf einer Fläche, in deren Nähe sich laut Navi ein Gewässer befinden soll. Es ist dunkel und kalt, wir alle sind todmüde, schlafen schnell ein. Ich träume von Afrika.

Sehr früh am nächsten Morgen weckt mich Timm mit dampfenden Kaffee. „Zieh Dich warm an, draußen geht gleich die Sonne auf“. Der Kaffeedampf malt weiße Kringel in die Luft. Als die Sonne  den Horizont hinaufklettert und alles in ein goldgelbes Licht taucht, wird mir bewußt, dass uns Afrika niemals loslassen wird, dass wir in jeder Landschaft der Welt immer wieder diesen Kontinent suchen werden, dass uns die Sehnsucht nie verlassen wird. Wir sind zu lange dort gewesen, haben einen zu großen Teil von uns dort gelassen. 

Vielen mag diese Landschaft öde erscheinen, in uns erweckt sie Erinnerungen, provoziert ein Lebensgefühl totaler Freiheit. Wer die Prärien, wie die Ebenen Saskatchewans und Manitobas manchmal zusammengefasst werden, als ein Nichts bezeichnet, tut ihnen unrecht.

„Es gibt keine reizlose Landschaft, nur reizunempfindliche Augen.“ ( J.M.M Hofmiller)

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