New Brunswick, Canada

Nova Scotia zu verlassen fällt nicht leicht. Immer wieder drehen sich unsere Gespräche im Kreis- fahren wir nach Prince Edward Island oder nicht? Haben wir noch Zeit für ein bisschen Strand und Ozean oder würde das bedeuten, dass uns der Winter im Northern Territory oder in Alaska einholt? Wir sind eigentlich schon einen Monat zu spät dran, haben schon mehr Zeit als geplant in dieser zweitkleinsten Provinz Kanadas verbracht. Es liegen noch 8000 Kilometer vor uns, nur um an die Westküste zu gelangen. Mit Schrecken sehe ich, dass sich schon die ersten Blätter ganz kleiner Ahornbäumchen rot verfärben. „Die kleinen Schwächlinge machen verfrüht schlapp“ versuche ich mich zu beruhigen. 

Dieses Jahr ist der Sommer aussergewöhnlich warm, das ist sehr ungewöhnlich für diese Gegend, normalerweise bräuchte man abends schon mindestens einen warmen Pulli. In Alaska kann der erste Schnee schon im Oktober fallen, das wäre in 6 Wochen, vier brauchen wir mindestens um dort hinzufahren. Wir fühlen uns gehetzt, sind schlecht gelaunt- und New Brunswick muss drunter leiden. 

Wie so viele werden wir hier nur durchdüsen, nur kurz Pause machen auf unserem Weg nach Quebec. 2 Nächte verbringen wir hier, wieder am Wasser. Nur einmal haben wir bisher unsere iOverländer App bemüht, meistens finden wir durch bloßes Gucken auf die Karte einen guten Übernachtungsplatz. Vielversprechend sind immer Stichstraßen, die zum Wasser herunterführen oder Marinas und kleine Fischerhafen. Der kleine Fischerhafen an dem wir die erste Nacht überachten, liegt malerisch an der Northumberland Strait. Einzig mehrere im Hafen verteilte Schilder stören die Idylle: Auf ihnen wird vor dem Verzehr von Schalentieren aus diesem Teil des Gewässers gewarnt. Sehr warscheinlich ist die Papiermühle, die wir zuvor bei Picton gesehen hatten Schuld an diesem Zustand. In vielen Gärten hatten wir seitdem Schilder mit der Aufschrift: „No pulp waste in our water“ gesehen. Papiermühlen, so scheint es, richten auch im so umweltbewußten Canada großen Schaden an. 

Noch sind Sommerferien und viele Kanadier verbringen diese 8 schulfreien Wochen campend. Überall am Meer stehen gigantische Wohnwagen, die nichts mit den kleinen Anhängern zu tun haben, die wir aus Deutschland kennen. Manche haben die Größe von Sattelschlepperanhängern, werden von röhrenden Pickups gezogen, nicht selten wird noch ein Kleinwagen als Notfahrzeug hinterhergezogen. Das was bei uns das Hymermobil, sind hier Monsterbusse, die an Tourbusse von Bands erinnern, alle glänzend und imposant. Oft sind sie mit mehreren Slideouts versehen, können ihren Wohnbereich, wie wir auch Roger, zu mehreren Seiten herausfahren. Die hiesige Campingkultur ist das komplette Gegenteil von dem was wir aus Afrika kennen. Dort waren es Dachzelt und Geländewagen, wenn man ganz gediegen reisen wollte eventuell ein Hänger mit integrierter Küche und Dachzelt. Hier in Canada ersetzen die RV s ( =RecreationVehicle= Erholungsfahrzeug) Ferienhäuser, man stellt sich irgendwo in einen Trailerpark ans Meer oder an den See und verbringt dort den Sommer.

Und trotz all der imposanten Monstercamper sind die Kanadier verrückt nach Roger. Wir werden bestimmt 50 Mal am Tag fotografiert, werden, wann immer wir irgendwo stehen gefragt, woher wir kommen, was Roger ist. Wir bekommen Komplimente und Daumen hoch, die Leute, und zwar Männer, wie junge Mädels als auch Omas, sind sehr interessiert. Vor ein paar Tagen habe ich ein Gespräch zwischen einem kleinen Jungen und seinem Vater gehört, die vor Roger standen während ich das Geschirr spülte:

„Is this a camper, Dad?“ „No, this is an extreme camping machine!“ Natürlich freuen wir uns über das Interesse an Roger, sind sicher, dass er uns so manches Herz öffnet und uns viele nette Gespräche beschert. Und doch kommt es uns manchmal fast schräg vor, so viel Beachtung zu bekommen. Berühmt will keines unserer Kinder mehr werden, das haben sie schon festgestellt. Manchmal ist es geradezu erholsam ohne Roger als ganz normale Touristen unterwegs zu sein, in der Masse zu verschwinden. Ich möchte keines der Gespräche missen, und doch hab ich manchmal Angst, wie es wohl erst in Südamerika werden wird, wo wir sicher noch exotischer wirken. Für uns ist Roger gar nicht das extreme Reisemobil, er ist unser fahrendes Zuhause. Wir wurden schon mehrmals gefragt, ob und für wieviel wir verkaufen würden. „Niemals“ und „Für kein Geld der Welt“, da sind wir uns sicher! Besonders nachdem er nun läuft wie ein Rennpferd. Einige Tage hatte Timm herumtelefoniert, hatte überlegt, ob wir Rogers Motor tunen können, ob wir ihn gar durch einen neuen Motor austauschen sollten. Bis ihm ein Geistesblitz von dieser Qual erlöst: Beim Ausschütteln der Fussmatte untersucht er das Gaspedal ein wenig genauer und stellt fest, dass die Gaspedalanschlagschraube herausgedreht ist und so das Gaspedal gar nicht voll durchgetreten werden kann. Er vermutet, dass sich diese schon über Jahre gelöst hat und dass das dem Vorbesitzer in Holland nicht aufgefallen ist, weil es dort keine Berge gibt. 

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