South Shore

Nova Scotia, Canada

Ich sitze auf der Dachbank, der Dampf meines Morgenkaffees kitzelt mich wach. Ich blinzle in die aufgehende Sonne, auf das spiegelglatte Wasser der Bucht in dem friedlich die Segelboote an ihren Moorings dümpeln. Es sind viele, die meisten von ihnen werden dieses Wochenende an der größten Segelregatten der Gegend teilnehmen.

Nur durch Zufall haben wir diesen wundervollen Ort entdeckt. Hätte gestern nachmittag, als wir am Straßenrand standen, nicht ein grauhaariger Herr eine Vollbremsung gemacht. Walter, so heißt er, ist in der Gegend aufgewachsen, hatte, von Rogers ungewöhnlichem Äußeren neugierig geworden, ein kleines Pläuschchen halten wollen. Als er hört, dass wir einen Übernachtungsplatz suchen, fährt er vorweg, bringt uns mitten ins Herz dieses idyllischen Ortes. Chester, ist einer der malerischsten Orte der Südküste Nova Scotias, pastellfarbene Holzhäuser, die von ihren erhöht liegenden Grundstücken über die Buchten blicken. Am Ufer Stege, hunderte Boote, ein kleiner Hafen mit Fischrestaurants, eine Hauptstraße, die sich gemütlich durch den Ort schlängelt. Hier hat man Zeit, hier macht man Urlaub, hier hat man Geld. Wohlbetuchte Amerikaner und Leute aus Halifax verbringen hier ihre Sommer, im Winter wird es still. Und trotzdem ist absolut nichts von dem Snobismus zu spüren den man an einem solchen Ort vielleicht erwarten würde. Wir stehen direkt an einer kleinen Brücke, die zwei Buchten miteinander verbindet, vor uns ein kleiner Strand, hinter uns ein Meerwasserpool, den die Gemeinde betreibt. Am Eingang steht ein Schild: „Come and enjoy-it´s free!“ Ein Lifeguard verteilt Luftmatratzen und Schwimmnudeln an die Kinder, weist auf das gratis Wlan hin.

Niemals wäre uns in den Sinn gekommen, hier zu campen, hätte uns Walter nicht hierher geführt. Der Platz auf dem wir stehen, ist der Privatparkplatz seines Freundes, er hätte nichts dagegen. Und auch sonst scheint sich niemand an uns zu stören-im Gegenteil. Mehrere Dutzend Male werden wir angesprochen, woher wir kommen, wohin wir fahren und vor allem was Roger ist, ob man in Europa solche Wohnmobile fährt. Und jedes Mal wirklich jedes Mal fällt der Satz „Welcome to Canada!“.

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Meine Kaffeetasse ist fast leer, ich beschliesse gerade Schwimmen zu gehen, als eine leise Stimme mich aus meinen Gedanken reißt. An der Fahrertür steht eine winzig kleine Oma mit riesiger Sonnenbrille und einem Stoffbeutel auf dem in bunten Buchstaben „Bahamas“ prangt.

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Sie spricht so leise, dass ich von der Dachbank herunterklettere um sie besser verstehen zu können. Auch sie möchte wissen, woher wir kommen, wohin wir fahren. „What an adventure, amazing!“-sie ist begeistert von unserem Plan bis an die Südspitze des amerikanischen Kontinents zu fahren, findet, dass unsere Kinder ein riesen Glück haben, eine solche Erfahrung machen zu können. Zum Abschied greift sie in ihren Beutel, zieht eine kleine selbst gestrickte Puppe heraus. „Der soll mit Euch reisen und Euch beschützen“ sagt sie auf Englisch. Jeden Tag stricke sie ein neues Baby und verschenke es. Dieser, so einigen wir uns, soll „Chester“ heißen und ist ab jetzt unser 7. Crewmitglied. Wir drücken uns zum Abschied, dann stehe ich mit Chester im Arm da und winke, bis die Oma um die nächste Kurve verschwunden ist.

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Am nächsten Tag fahren wir nur 30 Kilometer die Küste entlang, bis uns die Schönheit der Natur erneut zum Anhalten und Bleiben zwingt. Am Verkaufsschild eines unbebauten Grundstücks macht Timm eine Vollbremsung. Reifenspuren und verstreute Zigarettenstummel verraten, dass hier häufig Leute Rast machen, wir beschließen über Nacht zu bleiben.

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Von unserem Platz aus überblicken wir die Mahone Bay, in der sich, laut Lonely Planet, mehr als 100 Inseln befinden. Direkt zu unseren Füßen liegt ein kleiner Strand-je nach Gezeiten breit oder sehr schmal. IMG_6922.jpgAm Morgen des 2. Tages schwimmen Minke Wale vorbei, über uns kreist der Fischadler. Die Kinder bauen sich Angeln an deren Ende sie in Wäscheklammern Kochschinkenstücke klemmen und fangen Krebse. Sie bauen Aquarien, gehen schnorcheln,Timm holt das Quad heraus und fährt  nach Mahone Bay um Benzin für den Außenborder unseres Faltbootes „Motte“ zu holen. Zum ersten Mal lassen wir Motte zu Wasser, fahren in den Sonnenuntergang, machen Ausflüge auf die uns umgebenden Inseln oder um in Mahone Bay essen zu gehen. Der Platz auf dem wir stehen, soll seit 15 Jahren verkauft werden. In der Zwischenzeit hat er sich zu einer Art lokalem Badestrand entwickelt. Hierher kommen die Leute um ihre Hunde spazieren zu führen, um Schwimmen und Angeln zu gehen. Schnell hat sich im Ort herumgesprochen, daß dort crazy Germans campen, wir bekommen viel Besuch, sind aber auch hier willkommen und scheinen niemanden zu stören.IMG_7001.jpg Wieder erweckt besonders Roger großes Interesse und wir beginnen uns zu fragen, ob es vielleicht Roger ist, der uns überall die Türen und Herzen öffnet, ob wir mit einem herkömmlichen Camper genauso willkommen wären. Er beschert uns, so viel ist sicher, viele nette Gespräche und Bekanntschaften. Erst nach drei Nächten schaffen wir es, uns loszureißen, fahren über Lunenburg Richtung Digby Neck um in der Bay of Fundy nach Walen Ausschau zu halten. 

 

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