Nach einem Monat auf Reisen

Heute ist der 18.8.2018 (Happy Birthday Franka, Greta und Hanno!) Vor etwas mehr als einem Monat sind wir zu Hause aufgebrochen. Eine gefühlte Ewigkeit auf der einen Seite, auf der Anderen  sind wir noch so ganz am Anfang unserer Reise. So richtig „on the road“ sind wir erst seit einer Woche, seit unserem Aufbruch in Halifax. Die Zeit in Europa war schön, aber irgendwie in unseren Köpfen nicht wirklich Teil der eigentlichen ReiIMG_6703se- eher der Weg dahin. Ähnlich wie damals, als wir aus Ägypten kamen, den afrikanischen Kontinent verlassen hatten und plötzlich in der Türkei standen und es sich anfühlte, als sei die Reise vorbei, als befänden wir uns nun am Ortsschild unseres Heimatdorfes und hätten nur noch ein paar Meter zu fahren. Auch die Fahrt über den Atlantik war noch nicht so richtig Teil unserer Reise, vielleicht weil wir „nur“ an Bord waren, nichts selbst machen oder bestimmen mussten. Die sieben Tage auf der „Atlantic Sea“ gaben uns die Möglichkeit, uns auf das was kommt einzustellen, uns von dem, was nun hinter uns liegt zu verabschieden. Mit dem Flugzeug von Hamburg nach Halifax zu fliegen hätte uns wahrscheinlich überfordert, uns vorschnell in unser Abenteuer geworfen- uns allen hat der sanfte Übergang gut getan.

Es ist Samstag, Wochenende. Anders als vielleicht viele zu Hause glauben, sind wir nicht im Dauerurlaub. Die ersten zehn Tage in Europa haben wir den Kindern Ferien gegönnt, seit fast drei Wochen aber folgen wir eisern jeden Morgen unserem Schulprogramm.Timm und ich stehen um 6.00-6.30 auf, um 7.15 wecken wir die Kinder, frühstücken und um 8.00-spätestens 8.30 sitzen die Kinder mit gespitzten Bleistiften vor ihren Büchern.

Wir lernen bis zum MIttagessen, bis ca. 12.00-12.30, danach machen wir uns entweder auf die Weiterreise oder erkunden den Ort an dem wir gerade sind. Das Wochenende ist schulfrei-für uns alle ein Grund zur Freude. Auch wenn es bisher sehr gut klappt, die Kinder fleißig und ohne größere Dramen lernen, müssen wir alle sehr viel Disziplin aufbringen, um am Ball zu bleiben. Für Timm und mich ist die größte Herausforderung, geduldig zu bleiben, allen Kindern gerecht zu werden und nicht die Nerven zu verlieren, wenn alle gleichzeitig Hilfe oder Zuspruch brauchen. Für die Kinder, besonders die Großen, ist die größte Herausforderung, sich selbständig Stoff zu erarbeiten, sich selbst zu kontrollieren und zu strukturieren. Wir alle sehen aber in dieser morgendlichen Schulzeit eine riesen Chance. Für Timm und mich ist es eine Möglichkeit, unsere Kinder noch besser kennenzulernen, unser eigenes Schulwissen wieder aufzupolieren. Zum Glück ergänzen wir uns da perfekt- ich könnte an meinem Mathe- und Physik(rest)kenntnissen polieren wie ich wollte, da würde nichts glänzen. Für die Kinder ist der größte Vorteil, daß sie nach ihrem eigenen Tempo arbeiten können und komischerweise sehr effektiv sind und gut voran kommen. An einem Samstagmorgen erst dann aufzuwachen, wenn man ausgeschlafen ist, sich nicht beeilen zu müssen, ein wenig in den Tag hereinzudödeln fühlt sich daher an wie ein geschenkter Tag. Ein verregnetes Geschenk heute. Statt, wie erhofft, Wandern zu gehen, sitzen wir nun im Auto, versuchen den Tag zu nutzen und endlich ein wenig „Strecke zu machen“.

IMG_5755Noch Immer sind wir in Nova Scotia unterwegs, bewegen uns seit einer Woche in einem 150km Radius um Halifax herum. Zum einen, weil es einfach überall so schön ist, daß wir anhalten und bleiben müssen, zum anderen, weil wir nur sehr sehr langsam voran kommen. Die Schule bremst uns aus. Während der Fahrt zu lernen ist schwierig, Roger schaukelt wie ein Schiff und es ist so gut wie unmöglich einigermaßen leserlich zu schreiben, selbst auf glatten Highways. Und dann ist Roger sehr sehr langsam. Durchschnittlich fahren wir ca.70 km/h- wenn es nicht zu hügelig ist. Timm hatte die Idee, den Motor durch das Tunen des Steuergerätes ein wenig leistungsstärker zu machen. Dummerweise hat aber Roger gar kein Steuergerät das man tunen könnte, nur pure Mechanik. Eigentlich genau das, was wir mögen. So bleibt uns nur, uns darauf einzustellen, besser unsere Routen zu planen ( schon wieder vergessen, wir sind keine Planer) und zu akzeptieren, daß wir einfach langsamer unterwegs sein werden, gemäß dem Motto „das Gras wächst auch nicht schneller wenn man daran zieht“.

Bevor wir losgefahren sind, habe besonders ich doch ziemlich kalte Füße bekommen. Hatte plötzlich Angst, ob wir den Kindern nicht zu viel zumuten, wenn wir sie aus der Schule nehmen, sie aus ihrem Umfeld „reißen“, ihnen den Zugang zu ihren Freunden erschweren. Jetzt, nach unserem ersten Monat unterwegs, bin ich mehr als erstaunt wie einfach doch alles war und ist. Es gab bisher noch kein Heimweh, wenn ein Lieblingsfreund(in) vermisst wird, dann bisher mit einem warmen Gefühl im Bauch aus Freude darüber, das es ihn (sie) gibt. Alle Kinder sind glücklich, meistens ausgeglichen, sprühen vor Energie und Entdeckergeist. Klar gibt es immer mal wieder Spannungen und Streit, zwischen den Jungs wird es auch ab und zu handgreiflich, aber alles ist im Rahmen und schnell wieder vergessen. Die Enge in Roger ist bislang überhaupt kein Problem, was mich wirklich erstaunt, wenn man bedenkt, das die Fläche die jetzt unser ganzes Zuhause umfasst, in etwa der Größe unseres Vorflures entspricht. Wir sind ja aber noch nicht lange in Roger unterwegs. Bisher hatten wir zwischendurch ein Haus in Liverpool und Halifax, sowie die Zimmer auf dem Schiff gemietet. Das Wetter war bis heute auch gut und wir konnten uns viel draußen aufhalten, konnten uns aus dem Weg gehen. Bis jetzt lieben wir es in Roger zusammenzuglucken, abends Spiele zu spielen und gemeinsam bei einem Hörspiel einzuschlafen. Durch die eigenen Kojen mit Vorhang hat jeder seinen Privatbereich und die Möglichkeit, auch während der Fahrt im Wohnkoffer zu sein, gibt jedem die Chance, sich zurückzuziehen. Gerade jetzt sitze ich eingekuschelt in eine Decke im Bett, an meinem Fenster schaukelt kanadischer Wald vorbei, ab und zu ein LKW (ja wir werden auch von LKWs überholt), auf das Dachfenster prasselt der Regen. Die Kinder sitzen alle vorne bei Timm, hören „???“, essen wahrscheinlich Chips oder Schokolade. Es geht uns gut, wir haben uns lieb und das Gefühl, gerade nirgendwo sonst lieber sein zu wollen. 

Wenn ich von „den Kindern“ spreche, dann tue ich das in meiner Rolle als Mutter. Denn eines hat sich seit unserer Reise durch Afrika verändert: Lotta zählt nun nicht mehr zu den Kindern. Wir sind jetzt drei Erwachsene (phasenweise, einer spinnt ja immer). Lotta hat mich nicht nur was Körpergröße angeht bald eingeholt, sondern auch in vielen anderen Dingen. Was ihre technischen Fähigkeiten angeht, ist sie uns weit überlegen. Sie übernimmt inzwischen einige Aufgaben, um die Timm und ich uns bisher kümmern mussten. So hat sie meine Rolle als Copilot übernommen, kümmert sich mit um die Kleineren, hält unsere Reise filmisch fest. Sie sitzt mit uns vorn auf der Erwachsenenbank, macht das großartig bisher und meine Angst davor, mit einem Teenager unterwegs zu sein, hat sich fast in Luft aufgelöst. Wir alle genießen es, zusammen zu sein, Familienzeit zu haben, nicht abgelenkt zu werden von all den Dingen, die im Alltag manchmal so wichtig erscheinen. Mehr als alles andere wünsche ich mir, daß das so bleibt. 

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