England: Von Dover bis Liverpool

Wir sind total müde und erschöpft, als wir endlich aus dem Fährbauch rollen und einen Parkplatz an der Strandpromenade finden. Der Lonely Planet sagt über Dover, daß es eine ziemlich trostlose, heruntergekommenen Stadt ist, für die Meisten nur ein Transitort auf dem Weg von oder nach Calais. Wir beschliessen trotzdem zu bleiben, wandern am nächsten Tag zum Castle hinauf. Für Lotta ist das alles ziemlich langweilig, weil sie einen Sommer zuvor auf einer Schulfahrt in England war und das Castle schon kennt. Überall werden wir an die deutsche Rolle im zweiten Weltkrieg erinnert, als wir eine Tour durch die Geheimgänge unter der Festung machen, von wo aus die Alliierten eine beispiellose Rettungsaktion ihrer Soldaten orchestrierte, die an er Französischen Küste zwischen Hitlers Truppen und dem Meer eingeschlossen waren. Ansonsten hat Dover wirklich nicht viel zu bieten, überall bröckelnde Fassaden, Obdachlose und Trostlosigkeit. 

Am Nachmittag fahren wir weiter, die Küste entlang Richtung Eastbourne, schaffen es gerade 30 km, bis unsere Augen und unser Gemüt eine Pause von trostlosen Trailerparks und heruntergekommenen Orten brauchen. Wir parken auf einem Parkplatz am Strand, gehen ein wenig spazieren, die Kinder spielen Fussball. 

Erst am nächsten Mittag bietet unser Stopp Rye unserer Seele die ersehnte englische Gemütlichkeit. Über Kopfsteinpflastergassen wandeln wir vorbei an vom Alter gebeugten Häusern, fühlen uns zurückversetzt in eine Zeit in der Piraten und Schmuggler hier ihr Unwesen getrieben haben sollen. Einst soll die Stadt direkt am Meer gelegen haben, inzwischen aber ist es 3km von dessen Ufer entfernt. Es nieselt, ist recht frisch, was uns aber nicht stört, schliesslich gehören England und Regen zusammen, irgendwie. 

Früh am nächsten Morgen brechen wir wieder auf. Unser Ziel ist Beachy Head, die imposanten weißen Klippen in der Nähe von Eastbourne. Der Weg dorthin führt über teilweise sehr enge Straßen durch englische Bilderbuchlandschaften. Ich wünschte ich hätte die Anblicke ein wenig mehr geniessen können. Roger, dass stellen wir schon jetzt fest, ist riesig, oft wird es eng auf der Straße. Während Timm noch ziemlich entspannt ist, bin ich verkrampft. Aber da Roger ein Linkslenker ist und wir auf der rechten Straßenseite fahren, bin ich dem Gegenverkehr auch deutlich näher. Nach langer Suche finden wir endlich eine Farm, die uns mit Roger unterbringen kann. Normalerweise hätten wir uns einfach auf einen Parkplatz gestellt, an diesem Abend allerdings wimmelt es um den Beachy Head nur so von Polizei. Wahrscheinlich hat sich wieder jemand die Klippen heruntergestürzt, das passiert hier oft, erzählt Lotta. Während ich koche, versucht Timm unseren Scheibenwischermotor zu reparieren, der heute den Geist aufgegeben hat. Leider ist der, das muss Timm nach zwei Stunden Gefummel feststellen, nicht zu reparieren. Wir müssen ein Ersatzteil aus Deutschland bestellen, hoffen auf Sonnenschein für die nächsten Tage. Der sich einstellt. Die Wanderung entlang der Felsenklippen am nächsten Tag treibt uns den Schweiss auf die Stirn. Mir, weil ich Angst habe, dass eines der Kinder runterfällt, den anderen deshalb, weil es wirklich heiss ist.

Auch hier sind überall Gedenksteine für die englischen Soldaten, die von hier aus losgezogen sind, um die Nazis zu bekämpfen. Für die, die nicht zurückkamen, waren die weißen Klippen von Beachy Head das Letzte, was sie von ihrer Heimat sahen. Wieder werde ich beklommen, weil ich bei einem Krieg, den unsere Grossväter gekämpft haben, gefühlsmässig auf der anderen Seite stehe.

 

Von Beachy Head aus geht es weiter nach London. Paula wünscht sich seit Ewigkeiten, Mme Tussauds zu besuchen. Wir kommen nur langsam voran. Für die ca. 100 km brauchen wir den ganzen Nachmittag. 40min nördlich von London finden wir einen Campingplatz, der uns noch unterbringen kann. Es ist Ferienzeit und Hochsaison, Roger ist nicht gerade klein. Wir brauchen dringend einen richtigen Campingplatz um unseren Klotank zu leeren. Frischwasser hatten wir schon unterwegs aufgefüllt. Wir haben einen schönen Platz unter einem Baum zugewiesen bekommen, freuen uns über den Schatten, denn auch hier ist es abends um 10 noch brütend heiß.

Direkt vor dem Campingplatz fährt am nächsten Morgen der rote Doppeldeckerbus nach London. Wir zerfließen in der Hitze, die Stadt quillt über von Touristen. Viele Straßen und Plätze sind abgesperrt, Überbleibsel von einem Radrennen, das vor Kurzem stattgefunden haben muss. Die Schlange vor Mme Tussauds ist lang, und als wir endlich drinnen sind, möchte ich am liebsten sofort wieder raus. Ein riesen Gedränge, ständig wird geschubst, ich habe Schwierigkeiten die Kinder im Auge zu behalten. Es ist so voll, daß man von den Maßen weitergedrückt wird, wenn man Glück hat, gab es noch schnell ein Foto mit einer wächsernen Berühmtheit. Auch von denen bin ich enttäuscht. Es sind viel weniger Figuren als ich erwartet habe, und außer ein paar wenigen sehen sie alle ziemlich wächsern aus. Den Kindern allerdings hat es gefallen. Durch brütende Hitze drängeln wir uns weiter mit unzähligen Touristen durch die Straßen. Big Ben und Westminster Abbey sind eingerüstet und von Planen verhüllt, vor dem Buckingham Palace stehen keine Wachen, und bei Harrods gibt es nicht, wie Carl gehört hat, Ferraris und Elefantenbabies zu kaufen. Am späten Nachmittag geben wir auf, verzichten auf Gleis 9 3/4 am Kings Cross Bahnhof und machen uns auf in unsere Campingplatzidylle. 

Die leider, zumindest für uns, an diesem Abend nicht ganz so idyllisch ist. Wir hatten nicht bedacht, daß wir, wenn Roger im Schatten steht und wir nicht an den Landstrom angeschlossen sind, nicht genug Licht für unsere Solarzellen bekommen und dann keinen Strom haben. Fahrräder, das müssen Timm und ich an diesem Abend feststellen, haben wir beide für die nächsten Wochen auch nicht mehr. Beide Räder haben eine riesen 8, wir müssen beim Ausparken oder Abbiegen irgendwo gegengefahren sein ohne es zu merken. Ohne neue Felgen sind beide nicht zu retten. Timm ruft am Morgen den Fahrradhändler unseres Vertrauens an, bestellt zwei Felgen, die er am nächsten Freitag wenn er noch einmal für einen Tag nach Deutschland fliegen muss, abholen wird. 

Nach dem stickigen London haben wir Sehnsucht nach Ruhe und Natur, machen uns auf in den Peak District National Park, der genau das verspricht. Dieser Nationalpark, in den 50gern gegründet, war Englands erster Nationalpark und, wenn man dem Lonely Planet glauben kann, ist er Europas meist besuchter. Die erste Nacht landen wir auf einem Campingplatz den man wohl am Besten als „Ballermann für Kinder“ beschreiben kann. Spielplatz, Swimmingpool, strahlend weiße in Reih und Glied aufgestellte Camper, vor denen sich alles stapelt, was das Kinderherz begehrt. Die dazugehörigen Eltern flanieren mit Bierdosen in der Hand die geteerten Wege zwischen den mit Thuja abgepflanzten Reihen. Timm der unter Roger liegt, um eine zweite Wasserpumpe für warmes Wasser zu installieren wird immer wieder von kreischenden Damen unterbrochen, die ihre Männer auffordern, dem armen arbeitenden Mann ein Bier zu bringen. Irgendein Vater hat den Jungen gezeigt, daß die Fahrräder, wenn man eine Plastikflasche zwischen Hinterrad und Stange klemmt, Motorradgeräusche machen. Unsere Jungs sind begeistert und bald werden wir bis zum Einbruch der Dunkelheit von einem Dutzend knatternden Fahrrädern umkreist. Ein paar Jungs haben Gefallen an Lotta gefunden, schicken Carl und Max immer wieder mit Nachrichten zu ihr. Es wird der erste Abend an dem wir die Vorhänge zuziehen. 

Früh am Morgen brechen wir wieder auf, machen einen Mittagsstop in Buxton, der Hauptstadt des Peak District.

Endlich! Weite, Ruhe und Natur. Eher zufällig sind wir auf einer Schafsfarm in der Nähe des Ortes Castletown gelandet, stehen nun auf einer riesigen, von Natursteinmauern umgebenen Wiese, außer uns noch ein paar Camper, die aber so weit weg sind, daß wir nichtmal ihre Gesichter erkennen können. Die Meisten, so scheint es, kommen zum Wandern hierher. Oder zum Klettern. Wir wandern auf den Gipfel Mam Tor, am nächsten Morgen hinunter in den Ort Castleton, lassen uns mit dem Boot durch die Schächte der jetzt gefluteten Bleimiene „Speedwell Cavern“ schippern, können uns nur sehr schwer losreißen, als wir am späten Nachmittag nach Liverpool aufbrechen müssen. 

Unsere Air BnB Unterkunft in Liverpool ist phantastisch! Ein frisch renoviertes Reihenhaus, eigentlich eingerichtet für Studenten, die aber erst am Ende der Sommerferien kommen. Wir haben 5 Schlafzimmer und einen geräumigen Parkplatz vor der Tür, können Roger in aller Ruhe für die Verschiffung vorbereiten, was den gesamten Donnerstag vormittag in Anspruch nimmt. Dann fährt Timm ihn zum Hafen und wir bleiben als trauriger Rest zurück, fühlen uns nackt, wie eine Schnecke ohne Haus. Während der ganzen Reiseplanung war eigentlich London unser europäisches Städtehighlight gewesen, mit Liverpool hatten wir uns gar nicht so sehr beschäftigt. Ich hatte eine verarmte Industriestadt erwartet, schmutzig und grau, mit Menschen deren Dialekt ich nicht verstehe. Letzteres ist tatsächlich so, mit dem erst allerdings lag ich komplett daneben. Liverpool ist phantastisch! Nach London besitzt Liverpool die meisten denkmalgeschützten Gebäude des Landes, dazwischen architektonische Perlen neueren Datums. Die Dichte an Museen und Galerien ist erstaunlich, noch erstaunlicher ist, dass man in England scheinbar keinen Eintritt zahlen muss. Wir gehen in das World Museum, in das maritime Museum ( in dem Max den Alarm auslöst), in die Tate Liverpool (aus der wir fast rausgeworfen werden, weil ich, beim Lesen der Beschreibung zu einer völlig schwarzen Leinwand einen Lachkrampf bekomme), wir stehen am Hafen als die Segler des Clipper Ocean Races nach mehr als 200 Tagen von ihrer Weltumrundung im Hafen einlaufen, wir marschieren in der Gay Pride Parade mit, Lotta geht zum Friseur und verliert den Großteil ihrer Haare, Max bekommt neue Turnschuhe, ich verbringe einen Morgen in der Augenambulanz des Universitätskrankenhauses ( anscheinend habe ich Fettablagerungen auf der Hornhaut) und wir stellen fest, dass indisches Essen den Kindern nicht schmeckt weil es weh tut beim Essen. Am Albert Dock in der Innenstadt gelingt es den Jungs eines der Millionen Schlösser zu knacken, mit denen Verliebte ihre Liebe besiegelt haben. Seitdem denke ich mindestens einmal am Tag an dieses unbekannte Paar, schicke gute Wünsche und hoffe, dass die Jungs damit nicht eine Trennung provoziert haben. 

Liverpool war schon immer das Tor in die Neue Welt, der Hafen, von dem aus die europäischen Auswanderer nach Amerika und Kanada aufgebrochen sind. Es ist ein komisches Gefühl, Europa genau auf diesem Weg zu verlassen. Genau wie die 9 Mio Auswanderer zwischen 1830 und 1930 auf einem Schiff den Atlantik zu überqueren. Auf nahezu der selben Route, die die Titanic auf ihrer ersten und letzten Reise genommen hat. 

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