Nach vier Monaten auf Reisen

Unser vierter Monat war streng genommen kein Reisemonat. Jedenfalls nicht dann, wenn man Reise als “körperlich in Bewegung sein” versteht. Während sich unsere Körper in einem wunderschönen Haus in Vancouvers Stadtteil Kitsilano vom ständigen “in Bewegung sein” erholten, tobte in unseren Seelen ein Hurrikan. Das Besondere am Reisen ist ja nicht das bloße Abklappern von Sehenswürdigkeiten und das Abhaken von Must-Sees, sondern vielmehr das, was das Losgelöst-sein vom Gewohnten mit einem macht. Fern von zu Hause, fern vom Alltag werden die Karten plötzlich neu gemischt, erscheinen Meinungen, Gewohnheiten plötzlich in einem völlig anderen Licht. Das, was gestern festzementiert, kann den Erschütterungen, die das Reisen auslöst, plötzlich nicht mehr standhalten. Das ist nicht immer einfach zu ertragen, kostet Kraft, manchmal die eine oder andere Träne und zwingt einen zum genauen Hinsehen. Glücklich kann sich schätzen, wer in einer solchen Phase einen Ort wie Vancouver findet.

 

“Alle guten Dinge sind wild und frei”- Eine sehr alte Freundin von mir hat sich diesen Spruch während einer Weltreise tätowieren lassen. Solcherlei Mitbringsel werden von Zuhausegebliebenen oft wohlwollend belächelt, ein wenig von oben herab vielleicht. Es ist unbequem sich diesem absoluten Glück, dieser Welle von Erkenntnissen derjenigen zu stellen, die gerade unterwegs sind und von denen sich das alte Leben schält wie die Rinde von einem Eukalyptusbaum. Sich einen Spruch zu tätowieren scheint pathetisch, darf belächelt werden. Warum eigentlich? Ist es nicht vielmehr ein unbequemes Zwicken, dass sich derer bemächtigt, die sich gerade nicht in einem solchen Zustand gefühlter Freiheit befinden? Ist es nicht viel leichter und bequemer zu belächeln anstatt es als Anstoß zu nehmen, darüber nachzudenken, wo man selber steht?

Des Einen Freiheit, ist des anderen Gefängnis. Eine andere Freundin sagte mir einmal, dass für manche Menschen ein vorhersehbarer, geplanter Alltag die größtmögliche Freiheit bedeutet, weil es Kraft spart, nicht jeden Tag neu entscheiden zu müssen. Weil es Sicherheit gibt, Freiheit, sich nicht sorgen zu müssen. Was bedeutet Freiheit? Ist Freiheit ein Gefühl, das man in sich trägt oder ist es etwas, das man sich hart erarbeiten muß? Ist gefühlte Freiheit trotz Alltag möglich? Für manchen, der sich gerade durch das vorweihnachtliche Getümmel quält, mag das, was wir gerade erleben, der Innbegriff von Freiheit sein. Jeden Tag neu entscheiden, jeden Tag etwas Neues sehen, stehen bleiben wenn es einem gefällt, fahren wenn nicht. Und obwohl die äußeren Umstände dem Ideal von Freiheit ziemlich nahe kommen, konstruieren wir doch selber immer wieder unsere kleinen Gefängnisse, müssen uns dann mühsam wieder freibuddeln.

Mit unserem Umzug von Afrika nach Deutschland hatten wir gehofft, unseren Kindern Freiheiten zu geben, die Ihnen in Afrika verwehrt waren. Hatten gehofft, dass die physischen Freiheiten, die Deutschland ihnen bieten kann, sie zu selbstständigen Menschen heranwachsen lässt. Ein Teenager, so unsere Überzeugung soll frei sein, soll eigene Erfahrungen machen können, nicht aufgrund von Angst vor Kriminalität eingesperrt werden. Wir hatten nicht bedacht, dass physische Freiheiten nur dann eine Bereicherung sind, wenn auch das Umfeld mitspielt. Ein Kind in Freiheit erziehen zu wollen bedeutet, dass man es auch der Gemeinschaft anvertrauen muss. Nicht immer ist sich die Gemeinschaft dieser Verantwortung bewußt, nicht immer geht das gut. Aber auch einen Teenager aus seinem Umfeld zu reißen, ihn seiner Peergroup zu berauben um ihm dann, mit Eltern und kleinen Geschwistern auf engstem Raum eingepfercht, jeden Tag einen neuen Ort vorzusetzen, kann schief gehen. Wir haben zu Beginn unsere Reise einiges an Kritik einstecken müssen, haben gezweifelt, waren verzweifelt. Was ist der richtige Weg? Kleinstadt, Stabilität, soziale Monokultur oder große weite Welt, ständig wechselnde Orte, keine stabilen sozialen Kontakte außer der Familie, permanenten Input?

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Für diejenigen, die uns auf unserer Reise begegnen, ist diese Frage einfach zu beantworten. Mehrmals täglich bekommen die Kinder gesagt, dass sie das größte Glück haben, ein solches Abenteuer erleben zu dürfen. Dass sie dies vielleicht erst als Erwachsene vollständig begreifen werden. Neulich, auf einer längeren Fahrt haben wir über das Reisen gesprochen, darüber, was die Kinder daran mögen und was nicht. Lotta sagte, dass sie, sobald sie mit der Schule fertig ist, wieder reisen möchte. Carl sagte, dass er, wenn er Kinder hat, ihnen auch die Welt zeigen möchte und Paula meinte, sie würde unbedingt verhindern wollen, dass ihre Kinder zu “deutschen Kartoffeln” werden, auch sie würde unbedingt mit ihnen reisen. Max ist überall glücklich, wo seine Familie ist und wo wir Zeit haben, mit ihm zu spielen, vorzulesen und zu kuscheln. Genauso wichtig ist aber, da waren sich alle Kinder einig, ein Ort, den man “Zuhause“ nennt, eine Familie und Freunde, die auf einen warten. Man muss sie nicht immer sehen, aber das Gefühl, dass sie da sind wenn man zurück kommt, ist doch wichtig. Für alle Kinder.

Wir haben unsere Hochs, himmelhochjauchzende Hochs, aber auch Tiefs. Momente in denen wir alles in Frage stellen. Besonders ich. Mehr als Timm nehme ich Schwingungen auf, oft beeinflussen sie meine Gefühle. Leidet eines der Kinder, leide ich. Nicht immer gelingt es mir dann, das große Ganze zu sehen, mich nicht vom Moment entmutigen zu lassen. Umso wichtiger sind dann die flüchtigen kleinen Momente, die uns zeigen, dass wir genau das Richtige machen: Wenn Max Carl den Arm um die Schulter legt und “I love you, Bro!” sagt, wenn Lotta mutig die Schultern strafft, durch den Eingang der riesigen Highschool marschiert, in der sie vielleicht allein am Mittagstisch sitzen wird. Wenn Carl Timm zur nächsten Tankstelle navigiert, wenn Max innerhalb von Minuten Freundschaft mit völlig fremden Kindern auf dem Spielplatz schließt. Wenn Paula vor der versammelten Klasse ein Referat über unsere Reise auf Englisch halten kann, wenn Max beim Verstecken spielen plötzlich auf englisch bis 100 zählt. Wenn die Kinder abends heimlich ihre iPods verkabeln um gemeinsam ein Hörspiel zu hören, obwohl wir es verboten haben. Wenn Lotta gedankenverloren an Max Haaren schnuppert, Carl auf Paulas Schoß einschläft. Es gibt sicher 100 Mal am Tag Streit, aber mindestens doppelt so viele besonders schöne Momente. Wenn wir uns zur Gewohnheit machen, ihnen mehr Gewicht zu verleihen, dann können wir nur zu einem Entschluss kommen: Wir sind sowas von auf dem richtigen Weg! 

Vieles, was uns in den letzen Jahren selbstverständlich erschien, hinterfragen wir. Macht es Sinn, so viel Lebenszeit damit zu verschwenden, seine Besitztümer hin und herzuschieben? Brauchen wir all das, was uns in unserem täglichen Leben umgibt? Gibt es Beziehungen, aus denen wir herausgewachsen sind und die zu erhalten mehr Energie kostet als sie uns jemals geben können? Wie wollen wir die wertvolle Zeit, die uns mit den Kindern bleibt verbringen, was ist wirklich wichtig? Diese Fragen werden uns sicher die nächsten Monate begleiten, gehören dazu, wenn man von seinem Alltag losgelöst leben kann, nicht immer allerdings ist es einfach, sich einzugestehen, dass man hinsehen muss. Trotzdem sind wir unendlich dankbar für die Möglichkeit, Abstand vom Alltag zu haben und einen frischen Blickwinkel zu bekommen, die Chance zu haben, die Karten neu zu mischen.

Nachdem uns zum Ende des dritten Monats ein bisschen die Puste ausging und wir alle Sehnsucht nach einer Pause hatten, war der Aufenthalt in Vancouver die reinste Frischzellenkur. Pause vom Reisen, normales Leben inclusive Schule und gleichaltrigen Freunden hat uns die Akkus wieder aufgefüllt. Zunächst hatten wir geplant, nur zwei Wochen Reisepause einzulegen, hatten über AirBnB ein Haus gemietet, um uns einmal wieder richtig auszuschlafen, ein bisschen Platz zu haben, dem Regen nicht so ausgeliefert zu sein. Das Haus lag genau gegenüber einer Grundschule und während des Homeschoolings hörten unsere Kinder die anderen Kinder in der Pause spielen. Wir hatten eine längere Pause, eventuell mit Schulbesuch erst in San Francisco eingeplant, gingen aber auf Bitten der Kinder am Ende der ersten Woche zur Direktorin der Grundschule und fragten, ob die Kinder als Gastkinder einmal in den Schulalltag hereinschnuppern könnten. Sehr gern, kam noch am selben Tag eine Email zurück. Plötzlich waren alle Türen offen, alles lief wie von selbst. Die Highschool wollte Lotta gern aufnehmen, der Vermieter freute sich, unseren Mietvertrag zu verlängern, der Regen verschwand und wir hatten einen phantastischen Indian Summer. Obwohl für alle Kinder eine riesen Überwindung, hatten sie am Ende der ersten Schulwoche alle Freunde, mit denen sie sich nachmittags verabreden konnten, waren voll integriert. Max wurde sogar schon wieder frech, ein Indikator, dass er sich wohl fühlte. Für Lotta war es schwieriger als für die drei Kleinen, da es in der Highschool keinen Klassenverband sondern ein Kurssystem gab, sie in jeder Stunde neue Mitschüler hatte. Trotzdem ging sie jeden Morgen tapfer in die Schule, stellte sich dem größten Teenageralbtraum: Als Neue in eine riesige große Schule zu kommen, in der nicht die Muttersprache gesprochen wird. Zu sehen, wie tapfer und mutig sich die Kinder dem neuen Umfeld stellten, wie schnell es Ihnen gelang Teil der Gemeinschaft zu werden und wie glücklich sie dabei waren (zumindest die drei Kleinen, für Lotta war nicht immer alles so rosig), war phantastisch. Auch Timm und ich wurden von der Elterngemeinschaft mit offenen Armen aufgenommen, fanden Menschen, denen wir uns in kurzer Zeit so verbunden fühlten, als wären wir schon ewig befreundet. Jeder, wirklich jeder, dem wir begegneten schien uns Türen bereitwillig zu öffnen. Die Versuchung, einfach zu bleiben war riesig, hätte, außer für die Kinder ein Studentenvisum beantragen zu müssen keine weiteren Hürden bedeutet. Unser Vermieter hätte uns das Haus auch dauerhaft vermietet, in den Schulen wäre Platz gewesen, wir hätten uns in Vancouver mehr als wohl gefühlt. Und trotzdem fahren wir weiter. Schweren Herzens! Weil wir müssen, weil die Reise das Ziel ist, weil wir noch am Anfang stehen und noch so viel auf uns wartet. Und doch wissen wir, dass es nun einen weiteren Sehnsuchtsort gibt, den wir jeden Tag vermissen werden.

Am Anfang unserer Zeit in Kanada hatte ich Angst, dass Kanada als das Land, auf das ich mich am allermeisten gefreut habe, meinen Erwartungen vielleicht nicht standhalten könnte, und nun sitze ich hier und bin herzgebrochen, weil wir weiter müssen. Kanada hat meine und Timms Erwartungen in Allem bei Weitem übertroffen, ist einer der Orte, an dem die Kinder später einen Teil unserer Asche verstreuen sollen.

Pausen vom Reisen, das haben wir auch in Afrika gemerkt, sind wichtig, um nicht auszubrennen. Auch Reisen kann zum Hamsterrad werden, holt man nicht zwischendurch Luft. In Afrika hatten wir ebenfalls nach 3 Monaten unsere erste lange Pause, blieben vier Wochen in Dar Es Salaam, wären ebenfalls fast geblieben und haben, genau wie jetzt in Vancouver, das Gefühl, dort wirklich gelebt zu haben. Es kostet viel Kraft, dem Bedürfnis nach Bleiben nicht nachzugeben, hat sich aber damals bewährt und wir hoffen, dass es das auch dieses Mal wieder tun wird.

 

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Raft Cove, Vancouver Island

In engen Kurven windet sich der schmale Pfad durch den dichten Wald. Um mich herum wachsen Farne zwischen den moosüberwucherten Baumstämmen, Beerensträucher, dichtes Gestrüpp. Nur ab und zu scheint spärlich Licht in diesen grünen Tunnel durch die Baumwipfel. Der Boden ist nur schwer zu erkennen, ist stellenweise aufgeweicht von Regen der letzten Tage, durchzogen von Baumwurzeln. Ich muss aufpassen wo ich hintrete. 

“Bear, bear go away, do not mess with meeee…”, mehr um mir selber Mut zu machen singe ich laut vor mich hin. Als Paula noch keine 2 Jahre alt war, hat sie sich vor meinem Gesang die Ohren zugehalten und “Nein, Angst!” gebrüllt, ich hoffe dieselbe Wirkung hat mein Lied auch auf eventuell im Busch versteckte Schwarzbären. Ich weiß, dass sie hier irgendwo im Gebüsch sitzen, dutzende lila Haufen mit kleinen Körnchen verraten, dass sie hier einen reichlich gedeckten Tisch vorfinden. Den ganzen Tag haben wir am Strand einer einsamen Bucht im Raft Cove National Park, an der wilden Nordspitze von Vancouver Island verbracht. Während ich nun zurück zu Roger gehe, um das Abendessen vorzubereiten, genießen Timm, die Kinder und Gigi die letzen unverhofften Sonnenstrahlen. Der Wetterbericht hatte Regen vorausgesagt, wieder einmal hatte der Mann in der gelben Regenjacke überraschend Sonnenschein in unser Leben gebracht. Eigentlich war Gigi 500 Kilometer entfernt, am südlichen Ende von Vancouver Island gewesen. Als er hörte, dass wir viel früher als erwartet auf der Insel  ankommen würden, war er unserer Einladung gefolgt und den ganzen Weg in unsere Richtung gefahren um mit uns ein Wochenende in der Wildnis zu verbringen und um unser Gästebett einzuweihen.

Wir campen auf dem Ende einer alten Loggerstraße, am Rande einer Lichtung, auf der sich die Natur die Mondlandschaft, die die Logger zurückgelassen haben, zurückerobert hat. Die Brücke am Ende der Straße wurde weggespült, stattdessen türmen sich Treibholzbaumstämme übereinander, bilden ein gigantisches Klettergerüst, auf dem die Kinder stundenlang spielen, über das sie an den Strand klettern können. Es ist schwer vorstellbar, welche Kräfte hier wirken müssen, wenn der tobende Pazifik ganze Baumriesen wie Streichhölzer übereinanderstapelt.

Den ganzen Tag haben wir damit verbracht, einen Totempfahl aus Treibholzstämmen am Strand zu errichten und ihn mit Wachsstiften und Innenfarbe zu bemalen.

Aus der Ferne trägt der Wind das Lachen und Kreischen der Kinder zu mir herüber und erinnert mich daran, dass ich mich beeilen muss, noch bevor es ganz dunkel ist, das Essen fertig zu haben. Ich werde dann noch einmal, dann mit Taschenlampen und Bärenspray bewaffnet diesen Weg gehen müssen, um sie abzuholen.

Jedes Knacken, jeder Schatten scheint bedrohlich und ich bin erleichtert, als ich den 10 minütigen Marsch hinter mir habe und endlich auf der Leiter stehe um die Tür zu Rogers Wohnkoffer aufzuschließen. Ein prüfender Blick über die Lichtung allerdings lässt meinen Herzschlag ein paar Sekunden aussetzen. Ungefähr 100 Meter von mir entfernt steht ein Schwarzbär auf einem quer liegenden Baumstamm, schaut zu mir herüber. Er ist groß, schon etwas weiß um die Schnauze, scheint  sich in meiner Gegenwart nicht unwohl zu fühlen. Ich kann diese Gefühl nicht erwidern. Mit Bärenhupe und Fernglas bewaffnet bin ich in wenigen Momenten zurück. Ich hupe was das Zeug hält, den Bären stört das wenig. Gemächlich sucht er weiter nach Waldbeeren. Ich beginne zu kochen, lasse vorsichtshalber die Fenster zu, in der stillen (etwas dämlichen) Hoffnung, dass er dann weniger versucht ist, näher zu kommen. Immer wieder werfe ich zwischendurch einen Blick auf ihn. Als das Essen fertig ist, steht er noch immer auf der Lichtung. Eigentlich müsste ich nun Timm, Gigi und die Kinder holen, mich mit Taschenlampen und Bärenspray bewaffnet allein  auf den Weg durch den inzwischen dunklen Wald machen. Unmöglich! Wie aber soll ich die anderen benachrichtigen und warnen? Der Gedanke, dass sie den dunklen Waldpfad ohne Lampen zurückkommen, dass Timm vielleicht die Kinder vorwegrennen lässt, schnürt mir den Hals zu. Eine Weile drehen sich meine Gedanken panisch im Kreis, erst als dem Karussell der Schwung ausgeht, kann ich wieder klar denken. Ich klettere in Rogers Fahrerkabine und hupe. Der Klang der Hupe erschreckt mich, obwohl ich auf den Lärm vorbereitet bin. Die Morsezeichen von SOS kann ich nicht erinnern, bezweifle aber eh, dass die am Strand Gebliebenen sie entschlüsseln können. Ich hupe was das Zeug hält. Den Bären stört das wenig, aber ich hoffe, dass Timm die versteckte Nachricht versteht: Wenn ich nicht, wie verabredet zurück zum Strand komme, sondern bei Roger bleibe und hupe, gibt es dafür einen Grund. Einen, der mich davon abhält, allein zurück zum Strand zu gehen.

Als ich endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit die laut singenden Stimmen von Gigi und den Kindern nicht vom Waldpfad, sondern von den Treibholzstämmen, die ebenfalls zum Strand führen, kommen höre, weiß ich, dass sie mich verstanden haben. Sicherheitshalber rufe ich mehrmals “Achtung Bär!” in ihre Richtung, gehe ihnen, nun mutiger mit der Taschenlampe entgegen. Von Weitem leuchten mir zwei Treibholzfackeln entgegen, die Timm am Strand angezündet hat, sie alle sind mit Knüppeln und Steinen bewaffnet und nicht das reinste bisschen beunruhigt. “Man Mama, Papa hat doch ein Messer, du musst Dir wirklich keine Sorgen machen!” sagt Carl, als ich ihn endlich erleichtert in die Arme schließe. Meine Kinder sind eindeutig mutiger als ich!

Eine Stunde später blicke ich dankbar in sechs zufriedenen Gesichter. Das Treibholzfeuer, das wegen des enthaltenen Salzes so viel gelber brennt als ein normales Feuer, lässt Schatten über den Strand tanzen, Gigi singt zu den Klängen seiner Gitarre. Wir sind wieder zum Strand gegangen, auch dieses Mal lieber über die Treibholzstämme geklettert statt durch den Wald zu gehen. Obwohl ich weiß, dass wahrscheinlich einige Bären durch die Dunkelheit um uns herum stromern, bin ich dieses Mal entspannt. Der alte Bär hat sich nicht von unserem Radau verscheuchen lassen, ist aber auch nicht näher gekommen. Wir sind weit entfernt von der Zivilisation, die Bären sind noch nicht daran gewöhnt, dass es bei Menschen einfach zu holendes Essen gibt, sind noch wild. Sie haben keine Angst, weil sie vielleicht noch keine schlechte Erfahrung gemacht haben, sind aber scheu genug um Abstand zu halten. So lange wir keinen Bären überraschen, weil wir plötzlich vor ihm stehen, wenn wir ihnen genug Platz zum Rückzug lassen, sind wir sicher. Im Notfall haben wir nun immer das Bärenspray, ein sehr hoch konzentriertes Pfefferspray in einem Behältnis, das aussieht wie ein Feuerlöscher, dabei.

Wir werden in den nächsten Tagen noch einige Bären sehen, da aber die Kinder jedes Mal in der Nähe sind und ich sicher sein kann, dass ihnen nichts passiert, kann ich die Begegnungen nun genießen.

Nach drei Monaten auf Reisen

Kurz bevor wir vor drei Monaten losgefahren sind, hätte ich am liebsten alles wieder abgeblasen. Obwohl ich es eigentlich besser weiß, kamen plötzlich all die Ängste und Befürchtungen aus den hintersten Ritzen meines Bewusstseins gekrochen und liessen mich nachts nicht mehr schlafen. Was ist, wenn wir einen Fehler machen? Was ist, wenn unsere Kinder eigentlich gar nicht wirklich reisen wollen, es sich nur nicht trauen, das zu sagen? Schaden wir Ihnen, wenn wir sie aus ihrem gewohnten Umfeld holen, ihnen Normalität und Stabilität nehmen? Was brauchen sie mehr? Freunde und einen geregelten Tagesablauf oder Familienzeit und die große weite Welt? Werden wir es schaffen, sie schulisch auf dem Level zu halten, dass sie wieder ohne Probleme Anschluss finden? All diese Fragen haben wir uns nach dem ersten Monat auf Reisen schon einmal gestellt, und werden sie uns sicherlich auch in Zukunft immer wieder stellen.

Nun, nach drei Monaten ist die erste Aufregung verflogen, die erste Reisemüdigkeit hat uns heimgesucht. Jetzt, nachdem die Sommerferien vorbei sind und die Freunde der Kinder sich wieder alle regelmäßig in der Schule treffen, kommt doch ab und zu das Heimweh durch. Besonders unsere Älteste vermisst Gleichaltrige. Für sie ist es am Schwersten. Die drei Kleinen teilen ähnliche Interessen. Sie allerdings ist nicht mehr klein, aber auch noch nicht so erwachsen, dass Timm und ich als Freundesersatz in Frage kommen. Das kältere Wetter der letzten Wochen und die damit verbundene Bewegungseinschränkung hat auf die Stimmung gedrückt. Plötzlich wird es doch manchmal eng in Roger, ist mal der eine, mal der andere genervt. Wir können uns nicht aus dem Weg gehen, streiten mehr als sonst. Für Timm und mich ist es schwierig geduldig zu bleiben, die Kinder sind nicht ausgelastet, fühlen sich eingeschränkt. Vom vielen Sitzen haben Lotta und ich Rückenschmerzen, sind reizbar. Ich sehne mich danach, für ein paar Stunden allein zu sein, bin verstopft von Eindrücken. Mein Zwischenspeicher ist voll. Ich brauche dringend eine Pause um mich leerzuschreiben, um Platz zu machen auf der Festplatte. Wir riechen alle schon lange nicht mehr gut, fühlen uns schmuddelig, haben die klamme Kälte satt, die in jeder Ritze sitzt. Den Kamin machen wir nur noch an, wenn es absolut nicht anders geht, der Geruch von Lagerfeuer hat schon lange seine Romantik verloren. Und doch ist die Antwort auf die Frage, ob wir das Richtige tun, immer wieder „ja“.

Ja, unsere Kinder möchten reisen. Auch wenn es schwierig ist manchmal, wenn das Heimweh plagt und die Geschwister und Eltern nerven. Reisen ist anstrengend, ist schwierig, hat Schattenseiten. Keine einzige Schattenseite allerdings überwiegt die Vorteile. Es ist nicht einfach, „zu Hause“ hinter sich zu lassen, sich auf das zu konzentrieren, was gerade passiert. Weder für die Kinder, noch für uns. Genau das aber, ist der Schlüssel zum Glück. Die Fähigkeit zu haben, den Moment zu genießen, sich nicht an das zu klammern was gestern war, oder morgen sein wird. Loslassen können und lernen zu vertrauen. Darauf, dass Freunde Freunde bleiben, darauf dass alles gut gehen wird, dass es für jedes Problem auch immer eine Lösung gibt.

Um den Kindern zu ermöglichen, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, um ein wenig Pause vom Reisen zu haben, uns einmal wieder richtig aufzuwärmen und durchzuwaschen, haben wir beschlossen, in Vancouver eine längere Pause einzulegen. Wir haben über AirBnB ein Haus gemietet, hoffen, dass wenn wir alle ein paar Nächte in großen Betten geschlafen haben, die Freude am Reisen zurückkehrt, wir wieder einen frischen Blick für all das Neue bekommen, das auf uns wartet.

Die Schule der Kinder haben wir bisher gut gemeistert. Zwar gibt es auch hier gute und weniger gute Tage, im Großen und Ganzen aber denken wir, dass alle davon profitieren. Die Kinder, weil wir viel mehr auf sie eingehen können, als ein Lehrer, der gleichzeitig 20 weitere Schüler hat, und wir, weil wir unsere Kinder ganz anders kennenlernen, Einblicke bekommen, die wir sonst nicht haben. In Kanada, wo es nicht ungewöhnlich ist, seine Kinder selbst zu unterrichten, gehen die Menschen viel entspannter mit diesem Schulmodell um. Während wir uns immer wieder fragen, ob wir auch wirklich alles tun, jede Lücke zu schliessen, wird uns hier von allen Seiten gesagt, dass wir uns keine Sorgen machen sollen, dass die Kinder so viel mehr lernen, als ihnen die Schule vermitteln kann. Vielleicht werden sie die eine oder andere chemische oder mathematische Formel nicht wissen, wenn wir zurückkommen, vielleicht müssen sie eine Klasse wiederholen, wenn es ganz schief läuft. Ganz sicher aber werden sie gelernt haben, auf unbekannte Menschen zuzugehen, sich unbefangen auf einer fremden Sprache zu unterhalten, sich in Gegenden zurechtzufinden, die ganz anders sind als zu Hause. Sie werden fremdes Essen probieren, fremde Kulturen schätzen lernen, sie werden lernen, wie wichtig es ist, Rücksicht zu nehmen, mit wenig auszukommen und das zu schätzen, was man hat. Sie werden verinnerlichen, dass es nicht immer bequem ist, dass es manchmal keinen anderen Weg gibt als mittendurch und dass die Komfortzone nicht der spannendste Platz ist. Für alle diese Lernmöglichkeiten sind wir unendlich dankbar und bereit, ein bisschen zu frieren und ein bisschen mehr zu stinken.